Erlebnisbericht eines Volkssturmmannes aus Königsberg in Ostpreußen
Quelle: "Dokumentation der Vertreibung, Band 1

Der Verfasser berichtet eingangs über seine Einziehung zum Volkssturm und den Einsatz zur Rückeroberung Nemmersdorfs.
http://svetbezkomunismu.cz/galerie/rusko/sssr_20.jpg
"... Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter denen mit einem harten Gegenstand der Schädel eingeschlagen war..."

 


" Meine Volkssturmkompanie erhielt dann den Befehl, in Nemmersdorf aufzuräumen.
Schon kurz vor Nemmersdorf (Richtung Sodehnen-Nemmersdorf) fanden wir schon zerstörtes Flüchtlings-Gepäck und umgeworfene Wagen.

In Nemmersdorf selbst fanden wir den geschlossenen Flüchtlingstreck.
Alle Wagen waren durch die Panzer vollständig zerstört und lagen am Straßenrand oder im Graben.
Das Gepäck war geplündert, zerschlagen oder zerrissen, also vollständig vernichtet.


Dieser Flüchtlingstreck war aus der Gegend Ebenrode und Gumbinnen. Ich stellte dieses beim Aufräumen fest.

Im Straßengraben fand ich ein Männer-Jackett. Aus der Brusttasche ragte ein Stück weißes Papier heraus.
Nicht Neugierde, sondern tiefstes Mitleid mit diesen armen Menschen gab mir keine Ruhe, nachzusehen, was es war.
Es ist gut, dass ich es getan habe.

Es war ein Briefumschlag mit der Aufschrift: Schmiedemeister Grohnwald, Gumbinnen. In dem Umschlag steckten 5 Zwanzigmarkscheine.
Diese steckte ich in den Umschlag zurück in der Hoffnung, daß der Besitzer doch noch einmal zurückkommt.
Das ganze Flüchtlings-Gut wurde gesammelt und in die Dorfkirche getragen. Von der Zivilbevölkerung haben wir nichts gefunden.

Am Dorfrand in Richtung Sodehnen-Nemmersdorf steht auf der linken Straßenseite ein großes Gasthaus
"Weißer Krug", rechts davon geht eine Straße ab, die zu den umliegenden Gehöften führt.

An dem ersten Gehöft, links von dieser Straße, stand ein Leiterwagen.
An diesem waren 4 nackte Frauen in gekreuzigter Stellung durch die Hände genagelt.


weitere Nemmersdorfer Opfer ...

Hinter dem "Weißen Krug" in Richtung Gumbinnen ist ein freier Platz mit dem Denkmal des Unbekannten Soldaten.

Hinter diesem freien Platz steht wiederum ein großes Gasthaus "Roter Krug". An diesem Gasthaus stand längs der Straße eine Scheune.
An den beiden Scheunen-Türen waren je eine Frau, nackt in gekreuzigter Stellung, durch die Hände angenagelt.

Weiter fanden wir dann in den Wohnungen insgesamt 72 Frauen einschließlich Kinder und einen alten Mann von 74 Jahren,
die sämtlich tot waren
, fast ausschließlich bestialisch ermordet bis auf nur wenige, die Genickschüsse aufwiesen.

Unter den Toten befanden sich auch Kinder im Windelalter, denen mit einem harten Gegenstand der Schädel eingeschlagen war.

In einer Stube fanden wir auf einem Sofa in sitzender Stellung eine alte Frau
von 84 Jahren vor, die vollkommen erblindet [gewesen] und bereits tot war.
Dieser Toten fehlte der halbe Kopf, der anscheinend mit einer Axt
oder Spaten von oben nach dem Halse weggespalten war.


Diese Leichen mussten wir auf den Dorf-Friedhof tragen, wo sie dann liegen blieben, weil eine ausländische Ärzte-Kommission
sich zur Besichtigung der Leichen angemeldet hatte.
So lagen diese Leichen dann 3 Tage, ohne dass diese Kommission erschien.

Inzwischen kam eine Krankenschwester aus Insterburg, die in Nemmersdorf beheimatet war und hier ihre Eltern suchte.
Unter den Ermordeten fand sie ihre Mutter von 72 Jahren und auch ihren alten schwachen Vater von 74 Jahren, der als
einziger Mann zu diesen Toten gehörte. Diese Schwester stellte dann fest, daß alle Toten Nemmersdorfer waren.


Am 4. Tage wurden dann die Leichen in zwei Gräber beigesetzt.
Erst am nächsten Tage erschien die Ärzte-Kommission, und die Gräber mussten noch einmal geöffnet werden.
Es wurden Scheunentore und Böcke herbeigeschafft, um die Leichen aufzubahren, damit die Kommission sie untersuchen konnte.

Einstimmig wurde dann festgestellt, dass sämtliche Frauen wie Mädchen
von 8-12 Jahren vergewaltigt waren, auch die alte blinde Frau von 84 Jahren.


Nach der Besichtigung durch die Kommission wurden die Leichen endgültig beigesetzt."


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Anmerkung: Dieser Bericht wurde als Mini-Ausschnitt heute in der BILD Zeitung (Serie: Flucht und Vertreibung) veröffentlicht.

Am 25. November 2001 streute Guido Knopp im ZDF die Vermutung, „dass die NS-Propaganda die Verbrechen nicht nur
instrumentalisiert, sondern zum Teil auch inszeniert hat“


Auf ZDF.de steht zu Nemmerdorf (Knopps sogenannte "Wahrheit" 26 Tote, alles Zivilisten.
Grausame Rache sowjetischer Soldaten für mehr als drei Jahre deutscher Gewaltherrschaft? Was geschah wirklich in Nemmersdorf? Aussagen von Zeitzeugen lassen vermuten, dass die NS-Propaganda die Verbrechen nicht nur instrumentalisiert, sondern zum Teil auch inszeniert hat.


Welche Quelle könnte da Knopp unter anderem wohl bemüht haben?


So behauptete Radio Moskau in seiner deutschsprachigen Abendsendung am 10. und nochmals am 12. März 2000,
in russische Uniformen geschlüpfte „SS-Truppen“ hätten deutsche Zivilisten erschossen und traktiert, um Goebbels
den Vorwand für eine noch intensivere Durchhalte-Propaganda zu liefern.


Wenn (selbst!) BILD ausschnittsweise jenen Text bemüht, der 73 Opfer im Volltext erwähnt und Knopp
sich trotzdem auf "nur" 26 festlegt, bleibt wohl die entscheidende Frage offen, wer hier offensichtlich lügt?

Vielleicht hat Knopp das Ganze aber auch nur nicht oder nicht richtig recherchieren WOLLEN ?
"Am 27. Oktober [= 1944] traf eine internationale Ärztekommission in Nemmersdorf ein.
Ihre Untersuchungsergebnisse wurden am 31. Oktober in der Berliner Charité vorgestellt."


Von dieser Kommission ist aber nichts zu lesen bei Knopp!
Siehe hier => ZDF.de Knopps: Die "Wahrheit" über Nemmersdorf
 

Zitat:

AWC-Nemmersdorf Ost-Preussen-Massaker der Roten Armee 1944 * Klick *
- YouTube-Video, Laufzeit: ca. 7 Minuten.
 

Das Massaker in Rössel/Ostpreußen

Dr. med. Arnold Niedenzu, Facharzt für Chirurgie, aus Rössel:

„Während des Russeneinfalls in Ostpreußen war ich als leitender Arzt des St. Josefskrankenhauses in Rössel dort geblieben. Erst nach Ablösung durch einen polnischen Arzt habe ich am 12.12.1945 Ostpreußen verlassen.

Rössel und Umgebung war infolge völligen Versagens der zuständigen deutschen Stellen nicht evakuiert worden. Nur wenige Einwohner haben sich noch rechtzeitig vor den Russen in Sicherheit bringen können. Die Stadt wurde nach ganz unbedeutender Gegenwehr am 28.1.1945 nachmittags besetzt.

Sofort kam es zu ausgedehnten Plünderungen, Brandstiftungen, Gewalttätigkeiten und Vergewaltigungen, Mord und Totschlag. Schon in den ersten Tagen sind in Rössel
60 Personen erschlagen oder erschossen worden
.
das heutige Rössel liegt in der polnischen Zone Ostpreußens




http://www.hoeckmann.de/travelling/ostpreussen/190.jpg
 


Es handelte sich um Frauen, die sich nicht vergewaltigen lassen wollten, Männer, die sich schützend vor ihre Frauen und Kinder stellten, Leute, die nicht rasch genug mit ihren Uhren oder Schnapsflaschen herausrückten. In vielen Fällen war überhaupt ein Motiv nicht ersichtlich. So wurden im Katholischen Hospital drei Männer und fünf Frauen erschossen, in der Stadt eine Lehrerwitwe mit vier Kindern. Diese ersten Opfer konnten erst nach einer Woche in einem Massengrab beigesetzt werden.

In der Umgebung wurden vorwiegend größere Bauern und Gutsbesitzer erschossen. In einem der benachbarten Dörfer, Plössen, ist die Hälfte der Einwohner umgebracht worden, in dem Dorf Trautenau (Kreis Heilsberg) mehr als die Hälfte. Auffallend hoch ist auch die Zahl der erschossenen Geistlichen: Pfarrer Lindenblatt/Rastenburg, Zagermann/Glockstein (von zwei Russen durch Kopfschuß tödlich versetzt), Ludwig/Santoppen, erschossen von demselben russischen Offizier, den er noch abends zuvor bewirtet hatte. Marquwardt/Plausen zwischen zwei Schwestern erschossen; die Schwestern fielen ohnmächtig um und entgingen wohl nur so dem gleichen Schicksal.

Schon nach den ersten Tagen wurde zu uns ins Krankenhaus eine Wöchnerin mit sehr schwerem Lungenschuß eingeliefert. Als ein Russe sie vergewaltigen wollte, machte sie ihm klar, daß sie dicht vor der Niederkunft stünde. Daraufhin trat ihr der Russe auf den Bauch und schoß auf sie; das Kind wurde vorzeitig geboren, die Mutter kam in fast hoffnungslosem Zustand ins Krankenhaus, ist aber nach Monaten geheilt.

Die Vergewaltigungen nahmen ein unvorstellbares Ausmaß an. Nach meinen Erfahrungen darf ich behaupten, daß von den Frauen und Mädchen zwischen 50 und 15 Jahren nur 10% verschont geblieben sind. Der Russe machte vor nichts halt: Greisinnen (bis 80 Jahre), Kinder (bis 10 Jahre abwärts), Hochschwangere und Wöchnerinnen. Die Vergewaltigungen gingen unter den widerlichsten Umständen vor sich. Die Russen überfielen häufig schon tags die Frauen, vorwiegend aber nachts drangen sie durch die zerbrochenen Fenster oder durch die eingeschlagenen Türen, ja durch das abgedeckte Dach in die Häuser und stürzten sich auf die unglücklichen Frauen und Mädchen. Meist mit vorgehaltener Waffe. Häufig hielten sie die Pistolenmündung direkt in den Mund des unglücklichen Opfers. Häufig war es so (man sträubt sich, es zu schreiben), daß das weibliche Wesen von mehreren festgehalten wurde, während sich die Wüstlinge nacheinander bei der Vergewaltigung ablösten. So manche Frau ist anschließend erschossen worden (z.B. eine mir sehr gut bekannte Frau K.), eine andere (Frau D.) ist anschließend erschossen und dann noch mit dem Auto überfahren worden. Häufig wurden die Frauen bei der Vergewaltigung noch in übelster Weise geschlagen, gestochen oder sonst mißhandelt.


Ich glaube auch, daß nur ganz wenige Russen diese furchtbaren Verbrechen nicht mitgemacht haben. Es bestand da kaum ein Unterschied zwischen Offizier und gewöhnlichem Soldaten. Als ein 10jähriges Kind mit schweren Zerreißungen nach Vergewaltigung ins Krankenhaus gebracht wurde, wandte ich mich an den polnischen Dolmetscher bei der GPU, ob es denn gar keine Möglichkeit gäbe, diesem entsetzlichen Treiben Einhalt zu gebieten. Daraufhin sagte er mir: „Anfangs war es erlaubt, da ist es natürlich schwer, es jetzt zu verbieten."


Nur in ganz seltenen Fällen gelang es, die Missetäter der Kommandantur zu übergeben. Sie wurden dann auf ein paar Stunden eingesperrt, womit der Fall für die russische Kommandantur erledigt war. Davon, daß einmal auch ein Mörder zur Verantwortung gezogen worden ist, weiß ich nichts. Die Verheerungen auf körperlichem und sittlichem Gebiet waren furchtbar.

Geschlechtskrankheiten, häufig schon bei Minderjährigen, waren außerordentlich verbreitet. Mittel zu ihrer Bekämpfung standen unzureichend zur Verfügung. Die Rösseler Apotheke war durch die Russen vollkommen ausgeräumt worden, im Krankenhaus waren nur geringe Vorräte. Im Krankenhaus Bischofstein waren die meisten Medikamente, wie auch Instrumente geraubt worden. Häufig wurde der Tripper zu Hause von der ahnungslosen Mutter auf die kleinen Kinder übertragen. Im Krankenhaus wurden täglich 25 und mehr Behandlungen und Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten durchgeführt.

Schlimmer noch war die sittliche Verwilderung. Während anfangs Frauen und Mädchen bei der Eröffnung, sie wären geschlechtskrank, fassungslos weinten, nahmen später selbst Vierzehnjährige es gleichmütig, abgestumpft hin. Ein Hauptgesprächsthema wurde bald, daß man in letzter Nacht vom Russen "belästigt" worden sei, selbst unter Halbwüchsigen. Weiterhin gingen später manche Frauen und Mädchen lieber mit einem Russen ein Verhältnis ein, um gegen Überfälle durch andere gesichert zu sein, später auch, weil sie der Hunger dazu trieb. Dazu kam noch das schlechte Beispiel von solchen, die sich den Russen an den Hals warfen und noch damit prahlten.

Überlebenskampf: mitten im harten Winter die Flucht vor den mörderischen Russen



Hiergegen treten alle anderen Greuel doch mehr zurück: Am 10.2. wurde, ohne ersichtlichen Grund, die Bevölkerung aus der Stadt ausgewiesen. Fuhrwerke, Autos oder Fahrräder durften nicht mitgenommen werden. So konnte jeder mehr oder weniger nur das mitnehmen, was er mit seinen Händen tragen konnte. Nur das Krankenhaus durfte bleiben und seinen Betrieb weiterfahren. Meine Bitte, man solle wenigstens die alten Schwestern im Kloster bleiben lassen, blieb unberücksichtigt.

Die Rösseler mußten Zuflucht suchen in den umliegenden Dörfern, die durch die Flüchtlinge aus den Grenzkreisen überfüllt waren. So lagen häufig 80 und mehr Personen auf einem Bauernhof. Häufig mußten 20 bis 30 Menschen in einem Zimmer schlafen.

Inzwischen wurden die Wohnungen von der Kommandantur systematisch ausgeräumt, ebenso die Geschäfte, Speicher. Was nicht fortgebracht wurde nach Rußland, wurde zerschlagen und vernichtet. Die Häuser waren bald in einem unbeschreiblichen Zustand, die Straßen in schlimmster Weise verdreckt. Später wurden deutsche Frauen und Mädchen von der Kommandantur zur Straßenreinigung eingesetzt, wobei sie den Schmutz von der Straße in die Häuser werfen mußten. Brandstellen waren etwa 40 in der Stadt, die Häuser, in denen die Russen nicht wohnten, bis zur Unbewohnbarkeit demoliert.

Deutsche aus Ostpreußen am 30.Januar 1945 auf der Flucht mit dem Handwagen...

Sehr bald setzten auch die Ausplünderungen der Bauernhöfe und Güter ein. Die Pferde wurden in Trecks fortgetrieben, die Kühe zu Hunderten auf größeren Besitzungen zusammengetrieben bzw. Kühe und Schweine wahllos abgeschlachtet, den Deutschen ihre Vorräte geraubt, so daß sie seit Ostern meistens nur noch Kartoffeln und Roggen als Nahrung hatten. Den Roggen mußten sie aus den noch von der letzten Ernte stehengebliebenen Schobern holen, er wurde zu Hause mit Hölzchen ausgedroschen und zweimal durch die Kaffeemühle gemahlen. Denn auch die landwirtschaftlichen Maschinen, selbst die Sensen waren überall geholt worden: Beutegut!

Die Folge war weitgehende Unterernährung. Es setzte unter den Alten und den Kleinkindern ein Massensterben ein. Säuglinge sind (bis auf einen einzigen) nicht am Leben geblieben, von den Kleinkindern nur wenige.

Aber auch andere Krankheiten: Hungerödeme, ausgedehnte Hauteiterungen breiteten sich infolge der Unterernährung immer mehr aus. Bald nach der Ausweisung der städtischen Bevölkerung brach eine Ruhrepidemie aus, im Mai eine Typhusepidemie, die im September ihren Höhepunkt erreichte. Viele sind dem Typhus erlegen. Das Krankenhaus war vorübergehend mit 110 Typhuspatienten belegt mit 15% Todesfällen. Der Hundertteil der nicht ins Krankenhaus verbrachten Kranken ist wahrscheinlich höher. Im Herbst ließen die Einlieferungen nach, wohl weniger, weil die Epidemie nachließ als deshalb, weil die meisten Deutschen inzwischen hatten auswandern müssen.

Durch Mord, Seuchen, Unterernährung sind große Lücken in der Bevölkerung, aufgerissen worden, mehr aber noch wurde sie dezimiert durch die Verschleppungen.

Ende Februar begann die GPU ihre Tätigkeit. Die Menschen wurden von der Straße, vom Arbeitsplatz, aus den Häusern, aus den Betten ergriffen und auf Lastautos nach dem nächsten GPU-Gefängnis gebracht. In Rössel war dieses im Gymnasium.

Bei einem Menschenfang, denn anders konnte man die Verhaftungen nicht bezeichnen, wurde ganz willkürlich vorgegangen, nicht etwa nach parteilicher Belastung. So wurden vom Postinspektor L. aus Rössel alle vier Töchter geholt, von denen keine je mit der Partei etwas zu tun gehabt hatte. Von diesen ist die älteste im Dezember krank nach Berlin zurückgekehrt, die zweite ist in Sibirien gestorben, von den beiden jüngsten fehlt jede Spur.

Es wurden von Männern und Jungens zwischen 70 und 15 Jahren etwa 90%, von Frauen und Mädchen zwischen 50 und 15 Jahren etwa die Hälfte verschleppt.

Häufig sind stillende Mütter von ihren Säuglingen fortgerissen worden, häufig Mütter von sechs und mehr Kindern......“


Geschäftsfrau E.S. aus Rössel:
aus der Bild-Serie, Flucht und Vertreibung

"29.Januar 1945. Frau K. im ersten Stock wurde sehr schwer vergewaltigt. Ihre 78 jährige Mutter die im Sterben lag, wurde aus dem Bett auf die Erde geworfen und blieb dort liegen. Ein 20 jähriges Mädchen wurde in dieser Nacht 20 mal vergewaltigt. Dauernd kamen Russen in das Zimmer, drohten und fluchten. Immer wieder wurde gebetet " Lieber Heiland lass uns sterben"

 

Zu Nemmersdorf: 1997 erschien von Bernhard Fisch: "Nemmersdorf, Oktober 1944 - Was in Ostpreußen wirklich geschah",
edition Ost, Berlin 1997 eine Untersuchung des 1926 in Willenberg/Ostpreußen geborenen Fisch.

Dieser hatte in der DDR Karriere gemacht als Dozent für russische Sprache.

Das gesamte Buch liest sich auch als Entlastungsversuch für die Rote Armee und diente G. K. als Steilvorlage.
Fisch versucht das Massaker zu beschönigen, die Opfer herunterzurechnen.
Er selbst war übrigens in der Nähe von Nemmersdorf im Oktober 44 als junger Soldat eingesetzt.

Fast generell bestritt er (Gott sei Dank ohne Erfolg) die Authenzität der meisten Quellen, die herkömmliche Darstellung
mit der Intention "Hitler brauchte Greuel-Nachrichten vom Wüten der Roten Armee, um die angeschlagene Heimatfront zu stärken".

Er besuchte Anfang der 90er noch lebende Zeitzeugen aus dem Heimatkreis Gumbinnen; einige lehnten aber den Kontakt
mit ihm vehement ab, da seine niederträchtigen Absichten sich relativ schnell in der Landsmannschaft Ostpreußen rum sprachen.

Offiziell warnten Funktionäre der Landsmannschaft vor dem umtriebigen Alt-Kommunisten.
Selbst die Gräfin Dönhoff (die bei der Flucht ihren Gut Streck im Stich ließ und allein
mit ihrem edlen Gaul sich in Richtung Westen machte) lehnte das Ansinnen für ein Vorwort ab.

Das Vorwort schrieb - ganz im Stile der PC der Militärhistoriker Dr. Wolfgang Wünsche -
ein akzeptables Nachwort Ralph Giordano * klick *, der die Verbrechen der Roten Armee nicht abstritt.
Er schrieb: "Es ist die gleiche Öffentlichkeit herzustellen, für Verbrechen von Deutschen,
wie für Verbrechen an Deutschen, unter Wahrung der Chronologie, der Kausalität von Ursache und Wirkung".
(Anm.: Wenn eine Ursache, stets die selbe oder auch eine viel größere Auswirkung völlig zu recht nach sich ziehen muss,
was hatte dann Stalin und Berija`s Vernichtungs-Terror ihres NKWD gegen Minderheiten ganz genau für eine "Legitimation" ?
 

=> Manch einer rückt / biegt sich die Weltgeschichte auch gern mal nach seiner Gesinnung zurecht - GENOSSE Giordano! )


Nützlich ist das Buch trotzdem wg. der Vielzahl der angegebenen Quellen, die allerdings von Fisch inakzeptabel gedeutet werden!

In der LM Ostpreußen will niemand etwas mit dem ehemaligen Landsmann etwas zu tun haben.
Verstehen kann seine Haltung wohl niemand - möglicherweise ist seine Sozialisation in der DDR dafür verantwortlich!


 

 


Die Ereignisse von Nemmersdorf nach Unterlagen im Bundesarchiv Koblenz zusammengestellt und bearbeitet
von Dr. phil. Rudolf Grenz


Als im Jahre 1944 die ersten russischen Truppen deutschen Boden betraten, war dieses Ereignis verbunden mit furchtbaren Schreckensnachrichten über das Verhalten der „Roten Armee" gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung. In diesem Zusammen­hange wurde Nemmersdorf Ort und Begriff der Unmenschlichkeit. Nemmersdorf wurde gleichzeitig auf deutscher Seite das Schlagwort, um den Widerstand des letzten Mannes zu mobilisieren. Auch der Ausarbeiter dieser Zeilen bekam im März 1945 an der Neißefront ein Flugblatt in die Hand gedrückt, auf dem zu lesen stand: „Je­der 10 dieser nimmersatten roten Bestie! Rache für Nemmersdorf!" Was war dort nun vorgefallen?

Sehen wir uns zunächst einen zeitgenössischen Bericht vom 31. 10. 1944 aus den „Leipziger Neuesten Nachrichten" an.
Neben dem Leitartikel „Erster Großangriff gegen Ostpreußen" findet sich ein Bericht mit der Überschrift „Grauen­hafte Bestialitäten der Bolschewisten südlich Gumbinnen". Er ist abgefaßt von dem Kriegsberichter Joachim Fischer. Aus Gründen der Dokumentation lassen wir die Ausführungen vollständig folgen:

„Als in diesen Tagen deutsche Truppen südostwärts Gumbinnen in harten Gegen­angriffen die durchgebrochenen Gardeschützendivisionen der elften Garde-Armee zurückdrängten und über die Rominthe zurückwarfen, gewannen sie verlorengegan­genes deutsches Gebiet wieder, das nur drei Tage vom Feind besetzt war. Was die deutschen Truppen vorfanden, entlarvte jenen Bluff-Befehl Stalins, wonach die deut­sche Bevölkerung anständig zu behandeln sei[/color , [color=yellow]denn die deutschen Soldaten fanden nicht nur verbrannte, verwüstete, gebrandschatzte und ausgeplünderte Höfe, nieder­gestochenes, wahllos erschlagenes Vieh, sondern sie fanden ermordete, geschändete deutsche Zivilisten, vor allem aber wieder - wie immer dort, wo der Bolschewismus Platz greift —geschändete, grausam vergewaltigte und niedergemachte deutsche Frauen.

Deutsche Soldaten einer schlesischen Panzerdivision fanden bei ihrem Einbruch in die sowjetischen Verteidigungsstellungen in dem Ort Alt-Wusterwitz, zehn Kilometer südlich Gumbinnen, in einem Gehöft 15 ermordete Zivilisten, die zum Teil in einer niedergebrannten Scheune verkohlt aufgefunden wurden. Ein älterer Mann wurde mit Nagelungswunden an den Händen entdeckt — er war an einer Tür gekreuzigt worden. Zwei Frauen wurden vergewaltigt, mit Stich- und Schußwunden tot aufge­funden. In dem kleinen Dorf Schweizern, 10 Kilometer südöstlich Gumbinnen, wurde durch einen Stoßtrupp, der in diese Ortschaft einbrach, in einem Hause eine vergewaltigte, etwa 22jährige Frau gefunden, die noch mit eingeschlagenem Schädel lebte, jedoch, ohne das Bewußtsein wiederzuerlangen, starb. In Schulzenwalde, 12 Kilometer südlich Gumbinnen, wurden aufgefunden: 9 ermordete Zivilisten, darunter drei Frauen, die ebenfalls geschändet und dann erschlagen und erschossen' wurden. Zwischen den Orten Lutzen und Bismarckhöhe, 11 Kilometer südlich Gumbinnen, wurde in einer Senke ein Reichsbahnarbeiter, in Sprindort, 8 Kilometer süd­östlich Gumbinnen, wieder Zivilisten in einer Mulde erschlagen aufgefunden. Bei den Ermordeten waren alle Altersklassen vertreten. In einem Falle, in Schulzenwalde, waren ein jüngerer Mann und ein Kind unweit einer vergewaltigten Frau aufgefun­den worden, die zusammengehörten. Die Schändungen der Frauen wurden durch Kör­perlage und die zerrissenen Kleidungsstücke nach ärztlichen Feststellungen einwandfrei geklärt. Auch die anderen Fälle wurden alle durch Ärzte, durch Offiziere und die Soldaten, welche die Ermordeten auffanden, festgestellt.




Aus berechtigter Angst vor den bolschewistischen Horden brachten sich viele Deutsche um!

Das Austoben der Bolschewisten ist der Beweis einer systematischen Erziehung zum Mord. So wie Gefangene aussagen — ebenfalls Angehörige der 11. Garde-Armee und der 28. Armee —, daß sie den Auftrag hatten, in der vordersten Kampf­truppe alles niederzubrennen und zu vernichten, damit die nachfolgenden bolschewi­stischen Verbände nicht sehen konnten, wie die Deutschen leben, so ist dieses grau­same Toben einer unmenschlichen Soldateska ein Beweis für die Entwicklung eines Volkes, die wir als Westeuropäer nur aufs höchste verabscheuen können. Wenn die jüdischen Kommissare und die Offiziere des Feindes sich hinstellen und den Sowjet-armisten zurufen: „Plündert, raubt, schändet — euch gehört Deutschland!" — dann brauchen sich die Führer der Gegenseite nicht zu wundern, wenn der Krieg, besonders jetzt im ostpreußischen Raum, eine Härte annimmt, wie sie vielleicht bisher noch nicht gegeben war. Die Schandtaten von Nemmersdorf und Wusterwitz, von Schweizerau und Lutzen, von Schulzenwalde und Sprindort werden unvergessen bleiben. So schlägt die sowjetische Schandtat zurück, und im fanatischen Haß eines Volkes wird der deutsche Sieg erstehen."


Aus den vor­liegenden Ausführungen ersehen wir, daß neben der Goebbelschen Propaganda, die besonders im letzten Abschnitt hervorsticht, nicht nur Nemmersdorf von den russi­schen Übergriffen auf die Zivilbevölkerung betroffen war, sondern darüber hinaus eine Anzahl weiterer Ortschaften. Der Name Nemmersdorf wurde aber zum Symbol erhoben, und zwar entweder weil dies der weiteste Punkt des 1. russischen Vorstoßes auf ostpreußisches Gebiet war, weil sich an diesem Ort die Verbrechen besonders häuften oder weil der Ortsname besonders propagandaträchtig erschien und als der klangvollste herausgehoben wurde.

Im übrigen aber muß sachlich festgestellt werden, daß es vom Objekt her gleich­gültig ist, welcher Ortsname zum Symbol für die Gewalttat erhoben wurde. Das Ausschlaggebende ist vielmehr, daß diese Vorgänge, die allerdings späterhin noch durch ein Vielfaches überboten wurden, tatsächlich stattgefunden haben. Dabei ist wichtig, daß die breite Masse der russischen Soldaten Gewalttat als etwas Selbstverständliches übte. Dies war trotz allen Aufbietens deutscher Schuld bei der Deutschen Wehrmacht nicht der Fall. Die russische Frau brauchte Gewalttat nicht zu fürchten. Der Übergriff war die Ausnahme! Lediglich bestimmte Einheiten im Partisaneneinsatz wie etwa die Einheit Dirlewanger gingen hier und da auch gegen die Zivilbevölkerung vor, indem ganze Dörfer abgebrannt wurden, aus denen heraus Partisaneneinsätze geführt worden waren. In diesen oder ähnlichen Fällen ergriff die „Rote Armee" allerdings bedeutend härtere Maßnahmen, was schon allein der Umstand zeigt, daß aus eingeholten Flüchtlingstrecks fast stets die Männer wahllos herausgegriffen und erschossen wurden; gegen die alten Männer vom „Volkssturm" wurde in ähnlicher Weise vorgegangen. Zu Partisaneneinsätzen gegen die „Rote Armee" ist es im übri­gen in Deutschland so gut wir gar nicht gekommen. Zum Teil lassen sich die rück­sichtslosen Maßnahmen der Sowjets allerdings aus einer Fehleinschätzung des Natio­nalsozialismus und seiner Verankerung im deutschen Volk herleiten; die russischen Führungsschichten waren anscheinend der Auffassung, daß jeder Deutsche ein Spie­gelbild der Propaganda von Joseph Goebbels darstellte. Dies zeigt vor allem die Mit­teilung in der Selbstbiographie des russischen SMA-Offiziers Gregory Klimow, nach der die russischen Besatzungskommandeure in Deutschland bei ihren turnusmäßigen Zusammenkünften mit Staunen feststellten, daß keine Diversionsakte zu melden wa­ren. Sie hatten fest damit gerechnet, daß die Deutschen Partisanenkrieg gegen die „Rote Armee" führen würden.

Untersuchungsergebnisse

Am 5. Juli 1946 sagte Generalmajor Dethleffsen, ehemaliger Chef des Stabes der in Ostpreußen eingesetzten 4. Armee, vor einem amerikanischen Gericht in Neu-Ulm aus:

„Als im Oktober 1944 russische Verbände vorübergehend bis Nemmersdorf vor­stießen, wurde in einer größeren Anzahl von Ortschaften südlich Gumbinnen die Zivilbevölkerung z.T. nach Martern wie Annageln an Scheunentore durch russi­sche Soldaten erschossen. Eine große Anzahl von Frauen wurde vorher vergewaltigt. Dabei sind auch etwa 50 französische Kriegsgefangene durch russische Soldaten er­schossen worden. Die betreffenden Ortschaften waren 48 Stunden später wieder in deutscher Hand ..."

Der Oberleutnant der Reserve, Dr. H. Amberger, Chef einer Fallschirm-Panzer­grenadier-Kompanie, die am deutschen Gegenangriff beteiligt war, sagt in einer eidesstattlichen Erklärung:

„Die bereits vorher umlaufenden Gerüchte über die Niedermetzelung der deut­schen Zivilbevölkerung durch die Russen fand ich dort voll bestätigt. Ich sah aus der durch Nemmersdorf hindurchführenden Landstraße Gumbinnen—Angerapp, in un­mittelbarer Nähe der über das Flüßchen Angerapp führenden Straßenbrücke, einen von russischen Panzern zusammengefahrenen Flüchtlingstreck, von dem nicht nur die Fahrzeuge und Zugtiere, sondern auch eine große Anzähl von Zivilisten, vorwiegend Frauen und Kinder, durch die russischen Panzer plattgewalzt waren. Am Straßen­rand und in den Höfen der Häuser lagen massenhaft Leichen von Zivilisten, die augenscheinlich nicht nur durch Kampfhandlungen führende Geschosse getötet waren, sondern planmäßig ermordet worden waren. Am Straßenrand saß, zusammengekau­ert, eine durch Genickschuß getötete alte Frau. Nicht weit davon lag ein mehrere Monate alter Säugling, der durch einen Nahschuß durch die Stirn (stark verbrannter Einschuß, faustgroßer Ausschuß am Hinterkopf) ermordet war. Eine Anzahl Männer, die keine weiteren tödlichen Verletzungen aufwiesen, waren durch Schläge, wohl mit Spaten oder Gewehrkolben, in das völlig zertrümmerte Gesicht getötet worden. In mindestens einem Fall war ein Mann an ein Scheunentor angenagelt worden. Aber nicht nur in Nemmersdorf selbst, sondern auch in den benachbarten, zwischen Ange-rapp und Rominten gelegenen Ortschaften, die bei dem gleichen Gegenangriff von russischen Truppen gesäubert wurden, wurden zahllose gleichartige Fälle festgestellt. Lebende deutsche Zivilisten habe ich weder in Nemmersdorf, noch in den Nach­barortschaften mehr angetroffen, obschon von dort infolge der überraschenden russi­schen Panzervorstöße keine nennenswerte Zahl von Flüchtlingen hat fortkommen können ..."
 


Hauptmann der Reserve Herminghaus berichtet über Nemmersdorf:

„Den deutschen Truppen bot sich bei der Rückgewinnung in dem Orte Nemmersdorf ein grauenvolles Bild, das erstmalig in eindeutiger Form dem deutschen Volke zeigte, was jeder einzelne zu erwarten hatte, wenn die russischen Soldaten Gewalt über ihn haben. Es wurden die in dem Dorf überraschten Frauen, darunter auch einige Ordensschwestern, nach der Eroberung durch die Russen zusammengetrieben, vergewaltigt und übel zugerichtet. Dann sind die Frauen auf bestialische An und Weise erstochen oder erschossen worden. Das übertraf an Scheußlichkeit alle bisher erlebten Kampfeindrücke.



http://www.ostpreussen.net/daten/ostpreussen/module/data/bilder/05/05080104g.jpg
So sieht es heute in Schulzenwalde aus , wo 95 Deutsche bestialisch von den Bolschewisten ermordet wurden



Seitens der Armee wurde sofort um Entsendung der da­mals noch neutralen Presse gebeten. Es waren Reporter aus der Schweiz und Schwe­den, auch Spanier und Franzosen aus dem besetzten Frankreich dorthin gebracht worden, die das schreckliche Geschehen in Augenschein nahmen. In einem großen Durchlaß eines Vorflutgrabens hatten sich Frauen mit ihren Kindern und auch alte Männer versteckt. Die Russen schossen, als sie diese Menschen entdeckt hatten, mit Maschinengewehren und warfen Handgranaten hinein. In Nemmersdorf fand man 60, im Raum von Schulzenwalde 95 ermordete Personen."

Aus den gleichen Tagen in Nemmersdorf liegt auch ein rührendes Zeugnis über die Hilfsbereitschaft polnischer Gutsarbeiter vor. Darüber berichtet Frau Erika Feiler aus Nemmersdorf, die für die Identifizierung einzelner Opfer hingeholt worden war:

„Der Grimmsche Besitz, der ,Schroeders-Hof, liegt etwa einen halben Kilometer von Nemmersdorf entfernt. Als die Russen eindringen, wird der Mann des Schroeders-Hofs von den Russen von seinem Treckwagen heruntergezerrt und erschossen. Frau Grimm selbst wird durch ihre polnischen Arbeiter dadurch gerettet, daß diese ihr polnische Tücher umwerfen und den Russen gegenüber als ihresgleichen aus­geben. Sie lebte einen Tag und eine Nacht während der Gefechte bei den Polen. Sie hat in dieser Zeit, mit Unterstützung der polnischen Arbeiter, ihren Mann im Garten begraben, und sie ist dann mit ihren polnischen Familien auf die Flucht gegangen."


Kaum glaublich erscheint in diesem Meer des Grauens die folgende Geschichte:

„Als die Frau des Ortsgendarms von Nemmersdorf hört, wie der Gefechtslärm näher kommt und lauter wird, nimmt sie ihre beiden Kinder an die Hand und rennt durch den Ort in entgegengesetzter Richtung des Kampfgetümmels davon. Ein deut­scher Panzer, der an der Frau vorbeirollt, hat die verzweifelten Rufe dieser Frau im Rasseln der Ketten und im Dröhnen des Motors vielleicht gar nicht gehört. Er fährt weiter, ohne sich um die Frau zu kümmern. Und dann kommt plötzlich ein Panzer­spähwagen in Sicht. Er überholt die Frau, stoppt und wartet, bis die Frau mit ihren Kindern aufgestiegen ist. Als er weiter rollt, sieht sich die Frau um: Wer vermag ihr Entsetzen nachzuempfinden, als sie in das Gesicht eines russischen Offiziers blickt, eines noch jungen Russen, der ihr als Kommandant dieses Wagens auf der ausgebrei­teten Karte eine Straßenkreuzung zeigt. Bis hierher wolle er sie bringen. Dort ange­langt, weist er ihr und den Kindern die Richtung, in der sie nach seiner Meinung gehen müssen, um den russischen AngrifFstruppen zu entgehen. Bevor die Frau, die in ihrer Angst und Betroffenheit nicht einmal ein ,Danke' über die Lippen bringt, her­unterspringt, ruft der junge russische Offizier ihr noch zu: ,Sie haben Glück gehabt, doch hüten Sie sich, denn nach uns folgen Stalinschüler!'"
 


Die Flucht aus Ostpreußen
nach Edgar Günther Lass und anderen


Die Flucht aus Ostpreußen begann bereits im Oktober 1944. Darüber berichtet Ursula Schmalong aus Eg­genhof Ostpreußen (Kuttkuhnen):

Am 21. Oktober 1944 war, wie auch an den vorangegangenen Tagen, schon früh­morgens große Unruhe im Ort und auf unserem Hof. Alle Plätze waren von Flücht­lingsfuhrwerken und Militär besetzt. In den Wohnhäusern gab es keinen Platz mehr. Es hieß, russische Panzer sind in der Nacht östlich von Gumbinnen in Groß-Waltersdorf (Walterkehmen) eingedrungen. Unaufhörlicher Kanonendonner schien uns das zu bestätigen. Deutsche Bombengeschwader überflogen unseren Ort, geschützt von Jagdflugzeugen, die Erde dröhnte von abgeworfenen Bomben. Luftkämpfe entspannen sich, Flugzeuge wurden abgeschossen. Aus den getroffenen, abstürzenden Flug­zeugen sah man Fallschirme heruntergehen. Immer mehr Menschen strömten durch unseren Ort, auch Trecks aus dem Kreise Gumbinnen waren schon darunter. Gegen Abend wurde es ruhiger; es kam eine Pferdemusterungskommission, die nach Goldap wollte, um Pferde für die Wehrmacht zu mustern. Eine Bäckereikompanie machte Quartier in Gut Wolfseck (Wilkoschen). In der Nacht vom 21. auf den 22. Oktober, etwa um 11.00 Uhr, wurde es lauter; man hörte Gewehrschüsse. Der Himmel war rot vom Feuerschein brennender Ortschaften. Plötzlich brachen neue Feuer in der Nähe etwa in Gut Plicken und Samfelde (Szameitschen) aus. Das Rasseln von Panzerfahr­zeugen war zu hören, Pakgranaten schlugen ein. Es kam die Anordnung, unsere Heimat zu verlassen. Unsere Männer waren alle bei der Wehrmacht und dem Volks­sturm. Wir hatten nur Polen und Russen auf unserem Hof; sie waren alle bereit, mit uns zu flüchten. Sie spannten die Wagen an und bemerkten im Dunklen der Nacht, daß hier lagernde Kolonnen die Räder von unseren Treckwagen abgenommen hatten, um sie gegen ihre schlechten Räder auszuwechseln. Die Wagen wurden wieder not­dürftig fahrbereit gemacht. Wir legten noch ein paar Sachen auf unseren Wagen, und um 12.00 Uhr nachts fuhren wir von unserem Hof und reihten uns in die Kolonne der Trecks in Richtung Nemmersdorf ein. Es ging nur langsam vorwärts. Etwa um 2 Uhr nachts waren wir an der Straße, die zum Gut Hermann Teichhof und weiter nach Wiekmünde (Norgallen) führte, kurz vor der Brücke über die Angerapp in Nem­mersdorf. Es ging nicht weiter. Hinter uns brachen immer mehr Feuer aus, Gewehr ­und Granatschüsse waren zu hören. Da es trotz Wartens immer noch nicht weiterging, gingen die Treckfahrer zur Brücke, um zu sehen, weshalb wir nicht weiterfahren konnten. Die Brücke hatte deutsche Feldgendarmerie besetzt, und es wurde erklärt, daß deutsche Panzer im Anmarsch sind und die Brücke zur Überfahrt für die Panzer freigehalten werden müßte. Der Zeiger der Uhr ging auf 5.00 Uhr morgens. Die Brücke über die Angerapp war immer noch nicht freigegeben. Granaten schlugen be­reits neben uns ein, Gewehrkugeln pfiffen uns um die Ohren. Wir drängten uns unter dem Granat- und Kugelhagel zur Brücke über die Angerapp; sie war frei. Ein dichter Nebel bildete sich; wir konnten unter dem Schutz des Nebels, wenn auch im Granatenhagel, weiter in Richtung Sodehnen fahren, bis es wieder durch Verkehrs­stauungen auf den Straßen zum Halten kam.
Der Kreis Gumbinnen, in dem die Front seit Oktober östlich Teufelsmoor (Kreis Stallupönen) — Grünhof — Königseichen — Guddin — Domhardtshof — Jägers­hausen — Grünweiden — Großwaltersdorf — südlich weiter entlang der Straße nach Goldap verläuft und der westlich vom Kreis Stallupönen (Ebenrode) liegt, wird am 17. Januar angegriffen. Die Stadt Gumbinnen selbst wird heftig umkämpft und fällt am 19./20. endgültig in russische Hände.



Das restliche Kreisgebiet wird nach dem Durchbruch bei Gumbinnen geräumt. Am 22. ist der ganze Kreis in Feindes­hand.
Die noch im Kreisgebiet befindlichen Dreschkommandos, das Bahnpersonal, die Behördenleiter und die Verantwortlichen in den Gemeinden haben den Kreis zwi­schen dem 13. und 21. Januar geräumt. Aber nur ein Teil gelangt noch zu seinen Familien im Aufnahmekreis Osterode. Die meisten müssen zur Haffküste fliehen.
Fast um die gleiche Zeit, da Gumbinnen hart umkämpft wird, zwischen dem 18. und 21. Januar, muß die evakuierte Bevölkerung der Stadt aus dem Aufnahmekreis Osterode ein zweites Mal fliehen. Große Teile der Trecks werden bei dem raschen Vormarsch der Russen im Aufnahmekreis selbst oder in den Kreisen Mohrungen und P. Holland während der Flucht überrollt und teilweise zur Rückkehr gezwungen. Dabei werden wieder zahlreiche Bewohner aus Gumbinnen ermordet. Viele, meist Frauen und Mädchen, werden nach Rußland verschleppt.

Unter den Gumbinnern, die im Kreise Osterode ebenfalls bedroht werden, ist auch Bauer Uschkoreit mit Familie. Sie trecken am 19. Januar morgens, mit ihren Land­arbeiterfamilien und zwei Russenfamilien, die schon einige Jahre auf dem Hof tätig gewesen sind: fünf Wagen, 16 Pferde ziehen in Richtung Westen.




Osterode 1939



Die Hauptstraße nach Osterode ist voll von Trecks. Stürmische Winde jagen Eiseskälte vor sich her. Schneeverwehungen erschweren den Marsch. Nur Schritt für Schritt kommen sie vor­an. Die Unterbrechungen werden immer länger, die Angst größer. Tausende von Rindern irren herrenlos über die weiße Fläche. Sie hungern, schreien, erfrieren, denn keiner kann ihnen helfen. Und dann ist der Schrei in der Luft: „Russische Panzer!"
Polternd kommen sie angerollt. Die von den Trecks suchen im Graben Deckung, aber die Kälte treibt sie zu den Fahrzeugen zurück. Russische Soldaten sind unter den Flüchtlingen. Sie durchwühlen die Wagen nach Wertsachen. Sonderbar: Die russischen Familien lassen sie in Ruhe. Und da diese nur das Beste von den deutschen Bauern berichten, tut man auch diesen nichts. Doch dann kommt die Nacht. Schreie der Angst, der Not, der Schmerzen. Dann Schüsse. Und als der Morgen graut, sind die russischen Familien verschwunden, die meisten Frauen und Mädchen Opfer der Solda­ten geworden, die Wagen ausgeplündert.

Hinter Liebemühl wird auch der Treck des Bauern Fritz Preugschat aus Eichenfeld (Wilpischen) vom Russen überrollt: „Die kämpfende Truppe tat uns nichts. Sie ha­ben uns nur die Ringe und Uhren abgenommen; aber dann kam die zweite Front. Ich selbst wurde hinausgeholt, bekam einen Streifschuß, und lag, nicht sehr schwer verwundet, unter acht Leichen."

Ähnliches erlebt auch Erna Schmerberg, eine geborene Tillwick, die im Oktober 1944 aus Richtfelde (Gerwischken) in die Nähe der Stadt Gilgenburg treckt und im Januar bei Liebemühl überrollt wird, und sie sagt: „Draußen fallen Schüsse. Bald wurde die Tür aufgerissen. Zwei russische Offiziere holen die Männer heraus, gleich, ob jung oder alt. Als es etwas ruhiger wird, schleichen sich einige von uns hinaus. Dort bietet sich ein Bild des Schreckens. Eine große Anzahl Männer liegt erschossen vor der Tür, die meisten tot durch Genickschuß. Unter denen, die noch leben, sind die Bauern Preugschat und Ligat aus Eichenfeld (Wilpischen). Die beiden Söhne von Ligat jedoch sind tot..."

Frau Emma Abromeit, geborene Kroeck, belegt, daß am 4. Februar ihre Schwe­ster Frieda Neumann aus Norbuden, Kreis Gumbinnen, in Kernsdorf im Kreise Osterode von betrunkenen Russen erschossen worden ist. Deren Quartierwirtin, Frau Buttler, hatte einen Durchschuß durch beide Beine, der Sohn von Buttlers einen Bauchschuß, an dessen Folgen er verstarb. In derselben Nacht trank die frühere Nachbarin ihrer Schwester, Frau Emilie Radschus, aus Verzweiflung Essigessenz. Sie starb unter den schrecklichsten Qualen.
 


Eine deutsche Opferstätte:
Vor sechzig Jahren verheerte die Rote Armee das ostpreußische Nemmersdorf

Quelle: Junge Freiheit von Thorsten Hinz


Im Sommer 1944 senkte sich Endzeitstimmung über Deutschlands östlichste Provinz.
Hans von Lehndorff hat sie im "Ostpreußischen Tagebuch" in klassische Sätze gefasst.
Noch nie vorher sei "das Licht so stark, der Himmel so hoch, die Ferne so mächtig gewesen.
Und all das Ungreifbare, das aus der Landschaft heraus die Seele zum Schwingen bringt,
nahm in einer Weise Gestalt an, wie es nur in der Abschiedsstunde Ereignis zu werden vermag
".



Wie aber sah die militärische Lage aus?
Am 22. Juni hatte die Rote Armee ihre Großoffensive eingeleitet. Die Heeresgruppe Mitte wurde zertrümmert, die Ostfront entblößt.
Aus dem Memelland setzten sich erste Flüchtlingstrecks in Marsch. Der Wehrmacht gelang es, die Front auf einer Linie vom Peipus-See vorbei an der Ostgrenze Ostpreußens bis zur mittleren Weichsel zu stabilisieren. Bereits im August drängte der Oberbefehlshaber der 4. Armee, General Friedrich Hoßbach, auf die Evakuierung der Bevölkerung aus den östlichen Teilen Ostpreußens. Doch Gauleiter Erich Koch wollte von einem Räumungsbefehl nichts wissen. So nahm der Schrecken seinen Lauf. Am 16. Oktober 1944 begann auf einer 140 Kilometer breiten Front ein russischer Angriff, der ins Innere der Provinz zielte. Erbitterte Gegenwehr brachte die russische Übermacht ein letztes Mal zum Stehen, doch die Frontlinie lag nun diesseits der Reichsgrenze. Und "was aus einigen vorgeschobenen Orten berichtet wurde, die der Feind nach kurzer Besetzung wieder aufgegeben hatte, ließ das Blut erstarren" (Hans von Lehndorff).
Der Schrecken hatte einen Namen: NEMMERSDORF. Das war der äußerste Punkt, bis zu dem die Russen vorgedrungen waren.


Unübersehbare gegenwärtige Tendenz zur Verharmlosung.

NEMMERSDORF liegt südlich der Kreisstadt Gumbinnen an der Angerapp. Die Brücke über den Fluss verlieh dem Ort strategische Bedeutung.
Am Freitag, den 20. Oktober, herrschte hier Chaos. Flüchtlingstrecks und Militär-Transporte blockierten sich gegenseitig. Ein Räumungsbefehl war nicht erteilt worden, verlässliche Informationen über den Frontverlauf fehlten. Die meisten Bewohner schlossen sich den Trecks an, einige warteten ab. Am 21. Oktober morgens um sechs begann die Beschießung, um 7.30 Uhr drangen sowjetische Soldaten über die Angerapp-Brücke in NEMMERSDORF ein. Bei Beginn der Kämpfe hatten sich vierzehn Dorfbewohner und Flüchtlinge in einen Unterstand begeben.
Als ein von Flugzeugen unterstützter deutscher Gegenangriff erfolgte, suchten auch russische Soldaten den Bunker auf.
Nach dem Abflauen der Kampfhandlungen befahlen sie den Zivilisten - Frauen, Kinder und alte Männer -, den Bunker zu verlassen.
Sofort eröffneten sie das Feuer. Nur eine junge Frau überlebte, weil der Kopfschuss, den sie erhalten hatte, durch den Mund wieder heraustrat.

Am 23. Oktober gegen 4.30 Uhr zogen die Russen sich auf die andere Seite der Angerapp zurück.
Den nachrückenden deutschen Soldaten boten sich Bilder des Grauens. Die dreizehn ermordeten Bunkerinsassen waren nicht die einzigen Toten.
Man fand erschlagene Kinder und an Scheunentore genagelte Frauen, zum Teil vergewaltigt. Der Kopf eines Mädchens war gespalten.
Am 27. Oktober traf eine internationale Ärztekommission ein. Ihre Untersuchungsergebnisse wurden am 31. Oktober in der Berliner Charité vorgestellt.
Der Völkische Beobachter startete eine Artikelserie unter der Überschrift "Das Wüten der sowjetischen Bestien - Furchtbare Verbrechen
in NEMMERSDORF".
NEMMERSDORF sollte zum Fanal des Widerstands werden, doch es wurde zum Menetekel.


Als Auftakt zum grausigen Finale des deutschen Ostens spielt Nemmmersdorf in der Vertriebenen-Literatur eine überragende Rolle, aber nicht nur dort.
Im Buch "Zweierlei Untergang" (1986) nahm Andreas Hillgruber NEMMERSDORF zum Anlass, die tragische Situation der deutschen Wehrmacht zu veranschaulichen, die der ostdeutschen Bevölkerung "den Fluchtweg nach Westen freizuhalten versuchte", um sie "vor den Rache-Orgien der Roten Armee, den Massenvergewaltigungen, den willkürlichen Morden und den wahllosen Deportationen zu bewahren".
Der Preis, den sie dafür zahlte, war - neben dem eigenen Blutzoll - die Verlängerung des NS-Regimes.
Wegen dieser Sätze wurde Hillgruber im Historikerstreit nach Ernst Nolte das zweite Opfer der Habermasschen Perfidien.
Doch auch die heute staatstragende Geschichtsschreibung und Publizistik kann NEMMERSDORF nicht gänzlich ignorieren, allerdings ist die Tendenz zur Verharmlosung unübersehbar.


Goebbels kam in seinem Tagebuch viermal namentlich auf NEMMERSDORF zurück.
Am 3. November 1944 notierte er: "Im übrigen leisten die Sowjets sich den schaurigen Scherz, ihre von uns festgestellten Gräuel-Taten in Ostpreußen als deutsche Erfindung zu bezeichnen und darüber hinaus zu behaupten, dass wir Zivilisten (...) selbst erschießen lassen, um Tote für die Wochenschau zu haben." Sie würden eben von sich auf andere schließen.


Die russische Taktik war aber wirkungsvoll. Das britische Außenministerium machte sich die Darstellung zu eigen,
und noch die US-Ankläger im Nürnberger Prozeß hielten die NEMMERSDORF-Berichte für gefälscht ("faked").
Die Protokolle der internationalen Untersuchungskommission sind verschollen, nur die Fotos blieben erhalten.
Allerdings hat der amerikanische Historiker Alfred M. de Zayas unter anderem mit dem Stabschef der 4. Armee,
Generalmajor Erich Dethleffsen, gesprochen, der ihm den Inhalt des Untersuchungsberichts ausdrücklich bestätigte.


1997 veröffentlichte der Hobbyhistoriker Bernhard Fisch das Buch "NEMMERSDORF, Oktober 1944".
Fisch, selber Ostpreuße, war im Oktober 1944 nach NEMMERSDORF abkommandiert worden.
Fünfzig Jahre später befragte er überlebende Zeugen und überprüfte die vorliegenden Berichte und Darstellungen.
Leider hatte Fisch, der nach dem Krieg in Thüringen als Russisch-Lehrer gearbeitet hatte und sich für die "deutsch-sowjetische Freundschaft" engagierte, den Ehrgeiz, nebenbei die "kalten Krieger" im Westen zu "entlarven", was ihn zu abstrusen Schlussfolgerungen verleitete.
Doch sein Buch enthält auch aufschlussreiche Details. Er wies nach, dass sich in einigen der NEMMERSDORF-Berichte Erlebtes und Gehörtes vermischen und die kanonisierte Zahl von 61 Toten, die Opfer aus den Nachbardörfern Tutteln und Alt-Wusterwitz mit einschließt.


 


Harry Thürk war Zeuge von Nemmersdorf, verklärte
das Gesehene in der DDR jedoch im Sinne der SED Regierung



Vor allem hat er den Schriftsteller Harry Thürk - der in der DDR als "Ost-Konsalik" sehr populär war - befragt.
Thürk gehörte zu den ersten Soldaten, die am 23. Oktober 1944 in NEMMERSDORF einrückten.
Er berichtete: "Ich habe tote Zivilisten auf einem eingefriedeten Misthaufen gesehen. Da lag ein älterer Mann, der hatte eine Mistgabel im Brustkorb stecken. (...)
In einem Haus(!) lagen in einer großen Wohnküche eine alte Frau auf den Fliesen. Eine jüngere Frau lag im Hausflur. (...) Dann waren wir in einem Schlafzimmer
mit Metall-Betten, weiß lackiert. Ein Bett war ganz von Blut durchtränkt. Da lag aber niemand drin. (...) An einem Scheunentor, am rechten Torflügel, war eine
Frau angenagelt
." Er berichtete auch von Überresten eines zerschossenen Trecks. Vor vier Jahren gab er in Guido Knopps Buch "Die große Flucht" zu Protokoll:
"Wir haben ungefähr zwei Dutzend Tote zusammengetragen. Viele wiesen Einschüsse auf und hatten starke Verletzungen im Kopfbereich.
Wir fanden auch Frauen verschiedener Altersgruppen, deren Kleidung um den Unterleib herum zerrissen war, zum Teil blutig."



ZDF: NEMMERSDORF teilweise von Deutschen inszeniert

Nach der Rezension des Fisch-Buchs in der JUNGEN FREIHEIT (JF 47/97) erhielt die Redaktion den Erlebnisbericht von Joachim Reisch, der im Oktober 1944 zum Genesungsurlaub auf das elterliche Gut in Perkallen gefahren war. Der Haushalt befand sich bei seiner Ankunft bereits in Auflösung, am 20. Oktober ging der Treck ab. Aufgrund der Schreckensmeldungen sei er am 21. Oktober nach NEMMERSDORF geeilt und dort gegen 11 Uhr eingetroffen. Das ist unmöglich, da die Russen erst am 23. Oktober das Dorf verließen. In Reischs Erinnerung waren drei Tage auf einen einzigen geschrumpft. Die Überzeugungskraft seines Berichts wird davon nicht tangiert: "Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote, Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treck-Flüchtlinge und auch französische Kriegsgefangene. Man berichtete uns von gekreuzigten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck" (JF 8/98). Es wird durch die Aussage Thürks bestätigt. In den folgenden Monaten sollten die NEMMERSDORF-Gräuel noch überboten werden. Aus Pommern wird von einem Gutsbesitzer berichtet, dem die Arme und Beine abgehackt wurden.
Danach warf man ihn noch lebend den Schweinen zum Fraß vor.


 
Lew Kopelew * klick *

Lew Kopelew versuchte als Offizier der Roten Armee, die Ost-preußische Bevölkerung vor Übergriffen zu schützen.
Dafür kam er für Jahre in den Gulag.
In seinen Büchern, die zu Sowjetzeiten nur im Westen erschienen, hat er davon berichtet.
Welche Haltung nahm die offizielle Sowjetliteratur ein? 1949 erhielt Emanuel Kasakewitsch den Stalin-Preis für seinen Roman "Frühling an der Oder", der mit dem Einmarsch in Ostpreußen beginnt und in Berlin endet. Für die DDR-Ausgabe verfasste Georg Lukácz ein lobendes Nachwort.
Tatsächlich wurden in Ost-Deutschland Gräuel verübt - nämlich durch deutsche "Spione" hinter der Front, um die Rote Armee zu diskreditieren. Und die Vergewaltigungen? Es gibt im Roman eine holländische Zwangsarbeiterin, die sexuell so ausgehungert ist, dass sie einem attraktiven sowjetischen Offizier Avancen macht. Er weist sie zurück, weil das mit der Ehre eines Rotarmisten unvereinbar ist.
Der Kriegspropagandist Ilja Ehrenburg räumt in seinen Memoiren "vereinzelte Fälle von Vergewaltigungen" ein, "die uns alle entrüsteten". Von Morden ist nicht die Rede. Es sei denn, man will folgende Sätze als Allegorie begreifen: "In Rastenburg hieb ein Rotarmist wütend mit dem Bajonett auf eine Schaufensterpuppe ein, die in der Vitrine eines zerstörten Kaufhauses stand. Die Puppe lächelte kokett, er aber stach und stach ..."

In der sowjetischen Geschichtsschreibung nimmt NEMMERSDORF nur geringen Raum ein, ein wenig mehr in Memoiren von Kriegsveteranen. Sie erwähnen NEMMERSDORF lediglich als einen "Bevölkerungspunkt", als ein strategisch wichtiges Dorf, um das heftig gekämpft und viel Blut vergossen wurde. Nachschlagewerke oder Reiseführer führen NEMMERSDORF, das jetzt Majakowskoje heißt, nur im Zusammenhang mit einem Denkmal für sowjetische Soldaten auf, die dort gefallen sind.

Andere Informationen kann man nur in übersetzter Literatur bekommen, in Heinz Guderians "Erinnerungen eines Soldaten" (1951) oder aus dem Buch von Otto Lasch "So fiel Königsberg" (1976). Zu den Massenvergewaltigungen finden sich ein paar Zeilen bei Solschenizyn, der auf Stalin und Trotzki verweist. Angeblich gebe es eine nicht ganz klare Anweisung Stalins, und Trotzki hätte Massenvergewaltigungen im Bürgerkrieg als Taktik des Klassenkampfes begriffen. Als die sowjetischen Truppen in Ostpreußen einrückten, seien unter ihnen sehr viele Ex-Partisanen aus Weißrussland gewesen, die unter dem Eindruck der deutschen Besatzung besonders brutal zu Werke gingen.

Radio Moskau behauptete in seiner deutschsprachigen Abendsendung am 10. und nochmals am 12. März 2000, in russische Uniformen geschlüpfte "SS-Truppen" hätten deutsche Zivilisten erschossen und traktiert, um Goebbels den Vorwand für eine noch intensivere Durchhalte-Propaganda zu liefern. Am 25. November 2001 streute auch Guido Knopp im ZDF die Vermutung, "dass die NS-Propaganda die Verbrechen nicht nur instrumentalisiert, sondern zum Teil auch inszeniert hat". Wegen der Anwesenheit von SS-Angehörigen am Tatort wird insinuiert: "Haben sie das Schreckensbild von NEMMERSDORF entworfen?" Zum Verhalten der russischen Soldaten wird Gerda Meczulat, die einzige Überlebende aus dem Bunker, befragt: "Die haben sich sonst eigentlich ruhig verhalten. Nicht dass sie uns irgendwie belästigt haben, das haben sie nicht getan", erinnert sie sich an die Stunden vor dem Massenmord.

Eine alte Frau vor laufender Kamera bekunden zu lassen, daß ihre knapp verhinderten Mörder sie nicht "irgendwie belästigt" haben, ist ein Verfahren, das für sich selbst spricht. Damit soll eine überaus kühne Analogie suggeriert werden: Wenn im Bunker nicht vergewaltigt wurde, dann auch nicht im Dorf. Der ehemalige Soldat Helmut Hoffmann gibt sich gleichfalls überzeugt: "Wenn da geschrieben wurde, es sind Frauen gekreuzigt oder angenagelt worden - das ist ungeheurer Blödsinn. Es ist auch keine Frau vergewaltigt worden. So wie sie da lagen, als sie von den Kameras aufgenommen wurden - das hat man nachträglich gemacht."

Wahrscheinlich hat Hoffmann etwas durcheinander gebracht. Der Vertreibungsdokumentation der Bundesregierung ist zu entnehmen, dass die Leichen zunächst bestattet und für die Ärztekommission wieder exhumiert worden waren. Insofern hat man ihre Präsentation "nachträglich gemacht". Über das, was sie vor ihrem Tod erdulden mussten, besagt das gar nichts.
Es ist bezeichnend, dass der Film die Aussage von Harry Thürk unterschlägt, die man nur aus dem Begleitbuch erfährt: "Erfinden mussten sie (die Goebbels-Propagandisten - Th. H.) das Ganze nicht. Leichen mussten sie auch nicht von woanders herzuholen - die waren da. Man hatte ihnen die Leichen und das, was dort geschehen war, sozusagen auf dem Präsentierteller serviert."


Deutschland, deine Toten! NEMMERSDORF ist eine deutsche Opferstätte, ein symbolischer Ort.
Sechzig Jahre danach wartet er noch immer darauf, als solcher erkannt und angenommen zu werden.


 


Weitere Berichte zu Nemmersdorf und umliegenden Ortschaften, die Opfer bolschewistischer Verbrechen wurden

Aus dem Archiv der Kreisgemeinschaft Gumbinnen ein Zeitungsausschnitt des Völkischen Beobachter vom 27. Oktober 1944:
Die Mörder von Nemmersdorf
von Kriegs­berichter Kurt Lothar Tank

„Nemmersdorf, 27. Oktober.(PK). Das im Oktoberlicht blitzende Flüßchen, die Angerapp, durchzieht die kleine ostpreußische Ortschaft Nemmers­dorf und schwingt sich dann in einem weiten, schönen Bogen um die von einem mächtig hohen Steilhang begrenzte Feldmark. Wei­den, Erlen und Birken bilden den herbst­bunten, farbenprächtigen Hintergrund. Aus den ringsum bestellten Äckern ragen die er­sten zartgrünen Spitzen. Ein Idyll scheint dieses ostpreußische Dörfchen darzustellen, eine Stätte ungestörten Friedens. Doch dieses Bild eines von den Schrecken des Krieges un­gestörten Ortes bleibt nur bestehen, so lange man zur Flußniederung schaut. Wendet man den Blick dem Dorfe zu, so bemerkt man bis auf den Grund niedergebrannte Häuser und im Vordergrund auf dem sorgfältig bestell­ten Acker dunkle, unförmige Klumpen: die Leichen ostpreußischer Männer, Frauen und Kinder. 26 grauenhaft entstellte Körper von Erschlagenen und Erschossenen, Greisen und Kindern, von geschändeten und ermordeten Mädchen. Ein unvergeßliches Bild unmensch­lichen Grauens!




die verfallene Nemmersdorfer Kirche im russisch geraubten Teil Ostpreußens



Deutsche Soldaten, Fall­schirmjäger, die dieses Dorf wieder erobert haben, betrachten mit erschreckten Gesichtern das furchtbare Bild. Sie haben in mehr als fünf Jahren viel Grauenhaftes erlebt, sie kennen den Tod in seiner schonungslose­sten Erscheinung. Doch der Anblick ihrer hingemordeten Landsleute übersteigt alles, was sie bisher erlebt haben. Selbst die Höl­lenbilder aus Warschau, die noch so blutig in ihrer Erinnerung lebendig sind, verblassen davor. — Sie sehen auf den Blutacker, doch ihre Seele weigert sich, diese Bilder des bei­spiellosen Grauens aufzunehmen. Menschen der gleichen Art mit ähnlichen Gesichts­zügen, meistens Bauern, die sie seit Wochen gastfrei aufgenommen haben in ihren Quar­tieren, liegen da tot vor ihnen. Die meisten von ihnen sind entstellt, die Hände und Wangen, Stirn und Kiefer zerfetzt, Hals und Brust blutüberströmt; die meisten von ihnen nach unglaublichen Mißhandlungen durch Genickschuß getötet. Ein 19jähriges dunkel­haariges Mädchen — in ihrer ausgeraubten, aus Stroh geflochtenen Tasche steckte die zer­knitterte Kennkarte — Grete Waldowski aus dem Kreise Darkehmen ist offenbar mit brutalster Gewalt genotzüchtigt und dann ermordet worden. Ihr zur Seite liegt ein sechs Monate alter Säugling in blauer Woll­kleidung, das Köpfchen durch einen Pistolen­schuß blutig entstellt. — Die fahle Oktober­sonne leuchtet bleich und anklagend über den grauen Blutterror an der Angerapp. Grau und verarbeitet sind die Hände der von den Sowjets hingemordeten Männer und Frauen. Sie haben unter unsäglicher Anspan­nung für ihre Heimat, für ihr Volk die Ernte eingebracht, die Äcker bestellt. Viele von ihnen sind dann noch Tag für Tag zum Schippen angetreten. Erdgrau und rissig sind ihre verarbeiteten und nun von Blut über­strömten Hände, in ihrer letzten wie hilflos greifenden Gebärde verkrampft an ihren Lei­bern liegend. Tränenlos starr stehen die deut­schen Soldaten vor ihnen, Männer jener Fall­schirmjägerdivision, die den Ort Nemmers­dorf vor kurzem wiedererobert haben. Aus ihrem Blick spricht der Wille, nun noch här­ter und schonungsloser gegen die Sowjets zu kämpfen. — Nemmersdorf, die kleine freundliche Ortschaft, 10 Kilometer südöstlich von Gumbinnen gelegen, ist nach zwei Tagen einer blutigen bolschewistischen Herrschaft ein Dorf des Todes, ein Dorf des Schwei­gens geworden. Kein Bewohner des Ortes ist zu sehen. Wer vor den Mördern nicht flüch­ten konnte, liegt tot in den Häusern, am Straßenrand, auf den Äckern oder in den Schluchten der Angerapp. Zaghaft kommen einzelne Bewohner aus den Nachbardörfern, in denen die Sowjets ebenfalls schlimm ge­haust haben. Mit bleichen, verstörten Gesich­tern erzählten sie stockend, was sie in den vergangenen schrecklichen Tagen erlebt ha­ben. Sie wagen die Toten von Nemmersdorf, von denen sie viele gekannt haben, nicht anzusehen. Ein 23jähriges Mädchen, Char­lotte W., aus dem Nachbarort erzählt, was sie und ihre Eltern am 21. und 22. erlebt haben: Am 21. Oktober, es war Sonnabend und sehr neblig, verließen wir den Hof. Wir hatten gehört, daß die Bolschewisten kämen. Als wir 100 Meter vom Hof weg waren, kamen Russen, schös­sen und riefen: ,Stoi'! Sie rissen meinem Vater die Taschenuhr weg, nahmen ihm das Taschenmesser und die Tabakspfeife. Wir wurden in unserer Wohnstube eingesperrt. Als wir auf den Hof kamen, schossen die Sowjets wieder. Meine Mutter wurde durch einen Streifschuß an der Schulter verwundet. Nach einer Viertelstunde brachten andere Bolschewisten den Altsitzer Karl Schütz aus der Nachbarschaft, einen alten Mann von 76 Jahren, er war am Arm verwundet und blutete stark. Sie haben den Altsitzer dann wieder weggebracht, und wir mußten zurück in unsere Wohnstube. Die Sowjets hatten inzwischen alle Schränke durchwühlt, Lam­pen und Fenster zerschlagen. Sie saßen am Tisch, und wir mußten ihnen Fleisch bringen. Sie verlangten immer wieder Schnaps. Wäh­rend wir in der Stube waren, haben sie un­sere Waren durchwühlt und sich heraus­genommen, was sie brauchen konnten. Am Nachmittag kam ein Lastauto. Es hatte vorn ein Geschütz drauf. Die Sowjets ließen durch einen polnischen Landarbeiter sagen, das Fräulein solle herauskommen, sie hätten ein paar Fragen zu stellen. Ich mußte mit dem Auto zum Nachbargehöft des Altsitzers mitfahren. Der alte Mann lag in seinem Hausflur. Die Bolschewisten hatten ihn er­schossen. Da wollte der eine Russe, wahr­scheinlich ein Offizier, irgendetwas von mir. Ich verstand nicht, was er meinte. Er griff nach seiner Pistole. Dann machte er meinen Mantel auf und deutete durch Zeichen an, was er wollte. Er war mit mir allein im Zimmer. Er vergewaltigte mich. Dann ging er aus dem Zimmer, und der zweite Offizier, der mitgefahren war, kam herein. Er tat das­selbe. Dann fuhren beide los."

...Auf einer kleinen Anhöhe liegt ein halbzerstörtes Gehöft, das Vieh ist verendet, die Bauern sind ermordet. In der Schlucht liegen Frauen vergewaltigt und ermordet neben ihren hingemordeten Kindern. Auch eine schwangere Frau haben die Bolschewi­sten geschändet und dann umgebracht. — Das sind nicht einzelne Taten einer sadisti­schen Horde — das ist systematischer Mas­senmord, wie ihn nur die Sowjets kennen. Sie denken nicht daran, ein Tarnprogramm der Schonung deutscher Zivilisten zu demon­strieren. Nein, sie führen die Befehle des Juden Ehrenburg und des Befehlshabers der 33. bolschewistischen Armee durch! Sie töten wahllos deutsche Menschen, schänden deutsche Frauen, wo sie sie finden. — Die Schreckens­tage von Nemmersdorf wird der deutsche Soldat niemals vergessen...Die bestialische Bluttat von Nem­mersdorf wird den Bolschewisten teuer zu stehen kommen. — Lebend an die Wand ge­nagelt. — Gerichtsärzte und Sanitätsoffiziere haben am 25. und 26. Oktober in den befrei­ten Orten Ostpreußens an Ort und Stelle ihre Untersuchungen durchgeführt und sämt­liche Einzelheiten in Protokollen und Bild­dokumenten festgehalten.

Hierbei konnte folgende Feststellung über die bestialischen Greuel der Sowjethorden getroffen werden: In der bereits genannten Ortschaft Nemmersdorf, die 12 Kilometer westlich Gumbinnen liegt, wurden insgesamt 26 Leichen aufgefu­den, darunter 13 Frauen, 9 Männer und 4 Kinder. Bei 24 Ermordeten ergab die Lei­chenschau, daß der Tod durch Nahschuß, zumeist in den Kopf, eintrat. In einem Fall wurden Stichwunden festgestellt und in einem weiteren Fall Kopfverletzungen, die darauf schließen lassen, daß der Mord mit irgend einem scharfen Gegenstand auf be­sonders bestialische Weise ausgeführt wurde. Bei den Frauenleichen konnten die Gerichts­ärzte in mehreren Fällen bestätigen, daß ein Notzuchtverbrechen der Bolschewisten in der gemeinsten Weise vorgenommen worden war. — An einer Straße bei Nemmersdorf wur­den 13 weitere Leichen gefunden, darunter vier Frauen und sechs Kinder sowie drei Männer. Hierbei handelte es sich um die Flüchtlinge, deren Treck durch einen Vorstoß der Bolschewisten  Auch sie waren, wie die Untersuchungen ergaben, aus nächster Nähe niedergeschossen worden und bei drei Frauen konnten einwandfrei die Anzeichen einer Vergewaltigung festgestellt werden. — In Tutteln, einem Ort, der drei Kilometer östlich von Nemmersdorf liegt, wurden insgesamt sieben Leichen, darunter vier Frauen und drei Kinder, gefunden. Auch sie waren sämtlich durch Nahschüsse ermordet. — Ein besonders grausiges Bild ergab die Besichtigung in Alt-Wusterwitz, das 10 Kilometer südlich von Gumbinnen liegt. Hier fanden sich insgesamt 15 Leichen, größtenteils in verkohl­tem Zustande. Ein junges Mädchen war, wie die ärztlichen Untersuchungen ergaben, durch einen Schuß aus nächster Entfernung in die linke Augenhöhle getötet. In einem Stallraum konnten die Leichen eines alten Mannes und einer alten Frau geborgen werden. Die Leiche des Mannes wies Durchstoßmerkmale an beiden Handflächen auf, die in Verbindung mit den Blutspuren und der Armstellung dieses Mannes deutlich erkennen ließen, daß er lebend an eine Wand genagelt worden sein muß. Eine ältere schwer verwundete Frau, die einzige Überlebende aus diesem Bereich, die inzwischen in ein Lazarett eingeliefert worden ist, hat dieses furchtbare Verbrechen durch ihre Aussage bestätigt.




besonders für noch lebende Ostpreußen ein erschreckender Anblick: die Kirchenruine in Rudau



Über Verbrechen auf dem Schroedershof berichtet Frau Grimm, die Ehefrau des ermordeten Land­wirts Johannes Grimm: „Es war am 20. 10. 1944, ungefähr um 7 Uhr morgens, als sich mein Ehemann, Hauptmann a. D. und Land­wirt Johannes Grimm, geboren am 14. Juni 1907, meine Tochter Sabine, mein Sohn Joachim und meine Schwiegermutter Maria Grimm, meine Mutter Maria Schroeders und zehn polnische Arbeiter, sechs polnische Frauen und deren Kinder von unserem Hof, dem Schroeders-Hof bei Nemmersdorf, mit den beladenen Flüchtlingswagen in Bewegung gesetzt hatten. In diesem Augenblick erschie­nen plötzlich aus der Richtung Berkeln und an der Mühle eine Menge russischer Soldaten, die wir im Nebel nicht gesehen hatten. Sie halten uns mit vorgehaltenen Gewehren an und zwingen uns, von den Wagen abzustei­gen. Der erste Wagen, ein geschlossener Spa­zierwagen, kann, obwohl er beschossen wird, im Neben noch entkommen. In diesem be­finden sich Mutter, Schwiegermutter und die beiden Kinder. Die Russen beschimpfen uns. Sie wollen die Deutschen ausrotten, und nachdem sie den Männern die Uhren fort­genommen haben, umringen sie meinen Ehe­mann, nehmen ihn einige Schritte mit, und ehe ich den Vorgang bemerken kann, ist er durch einen Schuß in die Schläfe getötet worden. Einige Polen, welche aus Warschau stammen, wollen sie auch noch erschießen, lassen dann aber doch ab. Nun werden die Wagen und alle Gebäude durchsucht und, so weit es geht, alle Dinge vernichtet. Während dieser Zeit ziehen mir die Polen schlechte Sachen an, binden mir ein Tuch um und machen mich unkenntlich. Sie nennen mir einen polnischen Ort, geben mir einen pol­nischen Namen. Ich solle kein Wort Deutsch sprechen. Zum Glück beherrsche ich einen Teil der polnischen Sprache. Sie halten mich außerdem im Hintergrund. Ringsum werden wir von Russen bewacht, damit wir nicht fliehen können. Wir sind ins Leutehaus gegangen. Es dauert nicht lange, da kommen mehrere Russen zu uns und fragen, ob wir Deutsche sind. Doch die Polen verneinen diese Frage, obwohl die Russen ihnen mit dem Tode drohen, wenn sie Deutsche ver­steckt halten. Ein Russe beobachtet mich eine Weile, ohne etwas zu sprechen, wird jedoch abgelenkt, da die anderen russischen Soldaten weiter nach Nemmersdorf stürmen. In den nächsten zwei Tagen gehen die Russen hin und her, ohne sich um uns zu kümmern, da wir uns im Leutehaus hinter einer beschä­digten Mauer befinden und die Russen hier keine Menschen vermuten. Nach zwei Tagen sehe ich einen deutschen Soldaten. Er will mir zu gegebener Zeit zur Flucht verhelfen. Am folgenden Tage erscheinen weitere deutsche Soldaten, gerade, als ich mit den Polen in unserem Park meinen Ehemann beerdigt hatte. Sie raten mir zur sofortigen Flucht, da der Russe in Nemmersdorf alle Menschen getötet habe und wohl auch bald wieder bis hierher kommen wird. Trotz gro­ßer Fliegertätigkeit sind wir in Abständen mit mehreren Wagen den Feldweg nach Kieselkehmen bis nach Sodehnen und später nach Danzig gekommen."

In dem Bericht eines deutschen Landsers, der nach Nemmersdorf gekommen war, heißt es: »Als dann — nach den Greueln in Nemmersdorf — noch eine überrumpelte Feldwache gefunden wurde, deren Männern man die Gurgel durch­geschnitten hatte, ist in keinem von uns das Gefühl des Abscheus und der Rache mehr zu unterdrücken. In diesen Stunden wäre wohl auch bedenkenlos jeder Feind mit erhobenen Händen niedergemacht worden. In jenen Ta­gen schreibe ich einen Brief nach Hause, daß es unverantwortlich sei, einem russischen Sol­daten Gnade zu gewähren. Doch als wir am nächsten Tage zwei schwerverwundete russische Soldaten auf dem Felde finden, schlagen wir sie dennoch nicht tot... Die Kameraden, denen diese beiden Russen mit fieberglänzenden Augen entgegensehen, sind vielleicht nicht einmal gläubige Christen, aber sie überführen die Schwerverwundeten in das nächste Lazarett. Vielleicht sind es Rus­sen, die an den Greueln von Nemmersdorf beteiligt gewesen sind. Aber sie sind hilflos und verwundet. An ihnen gilt es, eine menschliche und selbstverständliche Pflicht zu erfüllen."

Einen wichtigen Augenzeugen­bericht über die Vorgänge in Nemmersdorf liefert Frau Marianne Stumpenhorst aus Teichhof. Der Bericht befindet sich im Bun­desarchiv in Koblenz und es heißt darin: »Am 20. Oktober 1944 morgens 5 Uhr, be­gann unsere Flucht aus Teichhof, Kr. Gumbinnen (Gemeinde Tutteln). Die Straße Gumbinnen—Angerapp war von Militärfahrzeu­gen und Flüchtlingstrecks dermaßen verstopft, daß an ein Vorwärtskommen nicht zu den­ken war. Am Galgenberg, dicht vor der Nemmersdorfer Angerappbrücke, stockte der Verkehr vollkommen, und wir konnten mit dem Treck nicht mehr weiter. Viele ließen ihre Habe im Stich und machten sich zu Fuß auf den Weg in Richtung Nemmersdorf. Zu unserem Entsetzen tauchten an den Hängen der Angerapp an diesem nebligen Oktober­morgen die ersten Russen auf. Sie machten zunächst einen abwartenden Eindruck, pirsch­ten sich dann aber näher, und ehe wir uns versahen, standen sie vor uns. Sie nahmen den Flüchtlingen im Vorbeigehen Uhren und Schmuck ab. Plötzlich tauchten russische Pan­zer auf mit den ersten deutschen Gefangenen.
An ein Weiterfahren war nicht mehr zu den­ken; die Polen, die unsere Wagen gefahren hatten, waren sofort zu den Russen über­gelaufen. Meine Mutter und ich waren zu­nächst unschlüssig, was wir nun beginnen sollten, aber am Nachmittag machten wir uns zu Fuß auf den Heimweg.An unserem Hof standen schon russische Kommissare, und ein sicheres Gefühl warnte uns, auf den Hof zu gehen. Gleich hinter unserem Garten an der Land­straße nach Tutteln standen viele Russen und durchbohrten mit ihren Waffen die Treck­wagen. Als wir uns in unserer Angst etwas näher umzuschauen wagten, boten sich uns die ersten Schreckensbilder. Zu beiden Seiten der Brücke sah man an den Abhängen ver­gewaltigte Frauen, die ermordet waren oder blutüberströmt noch in den letzten Zuckun­gen lagen. Wir wurden wieder nach Schmuck und Wertsachen durchsucht, und es mußte sehr schnell gehen, sonst drohte man uns zu erhängen. Im nächsten Dorf, Tutteln, trafen wir 2 Frauen und einen alten Mann, die uns anboten, bei ihnen einstweilen zu bleiben. In Tutteln waren zunächst keine Russen, und so blieb uns noch Zeit, schnell alte Waffen­bestände unserer Soldaten zu verstecken. Am nächsten Morgen erschienen die Russen mit vorgehaltenen Messern und Gewehren und fragten nach Waffen, Schnaps und Kindern, durchsuchten die Häuser, aber taten uns nichts. Gegen Abend setzten starke Kampf­handlungen ein, und die Russen holten uns in einen Bunker, der schon mit Russen voll­kommen überfüllt war. Als es nach Stunden ruhiger wurde, holten mich zwei Russen in einen anderen Bunker, in dem sich nur rus­sische Offiziere befanden. Ich wurde höflich behandelt, mußte aber viele Fragen beant­worten, vor allem wer der Besitzer unseres Hofes war. Ich gab mich als fremde Flücht­lingsfrau aus, die die Gegend nicht näher kenne, bezweifle aber, daß sie es mir geglaubt haben. Sie ließen sich Bilder über die Deutsche Wehrmacht und unsere Lebensmittelkarten erklären, die sie gefunden hatten. Ihr größtes Interesse galt meiner Schulbildung, ob ich eine Universität besucht hätte und Fremd­sprachen spreche. Ich hatte den Eindruck, daß sie mich nach Rußland als Dolmetscherin mitnehmen wollten. Nach diesem langen Ver­hör wurde ich wieder in unseren Bunker gebracht, in dem wir die weitere Nacht verbrachten. Gegen Morgen holte mich ein Russe heraus und trieb mich in ein beschädigtes Bauernhaus. Ich hatte furchtbare Angst, ahnte ich doch, was mir bevorstand. Ich redete ihm gut zu, und ich weiß nicht, woran es lag, daß ich auch hier von dem Entsetz­lichen verschont blieb. Als ich mich im Mor­gengrauen zurücktastete, hatten wieder Kampfhandlungen eingesetzt. In unserem Bunker befanden sich nur noch meine Mutter und die anderen Deutschen, die Russen waren abgezogen. Die Einschläge wurden nun im­mer stärker, und wir rechneten jeden Moment damit, daß der Bunker über uns zusammen­stürzen würde. Nach Stunden wurde es dann stiller, doch wir wagten uns nicht heraus. Plötzlich ertönte über uns eine deutsche Stimme: "Heraus!", und ich werde dieses Gefühl nie vergessen, als wir deutsche Sol­daten vor uns sahen. Wir fielen uns in die Arme und lachten und weinten vor Freude. Es war unseren Soldaten noch einmal gelungen, die Russen zu vertreiben, und sie brach­ten uns zunächst nach Gut Kieselheim (Kieselkehmen), wo wir uns einige Tage aufhiel­ten. Von da aus kamen wir in die umliegen­den Dörfer und auch nach Nemmersdorf, wo sich inzwischen die furchtbaren Greueltaten zugetragen hatten. Man hatte alle Toten auf den Acker neben den Friedhof gelegt, und Mitglieder der Partei verlangten von mir, daß ich die Toten identifizieren sollte. Ich erwartete damals mein erstes Kind und lehnte es aus diesem Grunde energisch ab. Auch in Wiekmünde (Norgallen) war eine Mord­truppe durchgezogen, und in einem sehr zerstörten Bauernhaus lag der Besitzer mit durchschnittener Kehle im Bett. Die wenigen Bewohner des Dorfes, die nicht geflohen waren, waren ebenfalls ermordet. Wir hiel­ten uns ungefähr eine Woche in der Um­gebung von Nemmersdorf auf, auch auf un­serem Teichhof durften wir noch 2 Tage zu­bringen. Die Kampfhandlungen nahmen wie­der zu, und die Soldaten sorgten dafür, daß wir allmählich unseren Evakuierungskreis Osterode erreichten."

 


Eine Schilderung der Vorgänge von Nemmersdorf in militäri­scher Hinsicht gibt Tb. Rammstedt in den Herzberger Nachrichten vom 11. Oktober 1954: unter dem Titel: „Der Schrecken von Nemmersdorf": „Fünf russische Armeen mit etwa 40 Infanteriedivisionen und zahlreichen motori­sierten und Panzer-Verbänden, mit etwa 1500 Panzern griffen die 4. deutsche Armee an, der im Verlauf dieser ersten Abwehrschlacht um Ostpreußen unter General Hoßbach nur 6 Infanterie-, 2 Panzer-, 1 Panzer-Grenadier-, 6 neu aufgestellte Volksgrena­dier-Divisionen und 1 Sicherungsdivision, 1 Grenadier-Brigade, zwei Kavallerie-Brigaden und ein kleiner Polizeiverband zur Ver­fügung standen. Die sowjetische Heereslei­tung wollte den frontalen Durchbruch in Richtung Königsberg. Ihr Hauptstoß richtete sich deshalb entlang der großen Straße, die von Wilkowischken über Gumbinnen nach Insterburg führt.



 
Goldap 1943



Etwas später trat die Rote Armee auch südlich der Rominter Heide zum Angriff an und nahm Goldap. Die Sowjets setzten starke Panzer-, Artillerie-und Fliegerverbände ein. Erbittert wehrten sich die deutschen Truppen, wichen schritt­weise zurück, führten verzweifelte Gegen­angriffe, konnten schließlich den Feind im Gegenangriff bis hinter die Rominte zurück­zuschlagen. Am 28. Oktober ließ die Schlacht nördlich der Rominter Heide nach, während Goldap erst am 5. November befreit wurde. Zwei Tage dauerte allein der Häuserkampf in dieser schwergeprüften ostpreußischen Stadt. Die Front der 4. Armee war nach Abschluß der Kämpfe auf 150 km Breite und etwa 40 km Tiefe zurückgedrückt wor­den ...

Als am Montag, dem 16.Oktober, die Straße Angerapp—Insterburg und damit der Weg nach Königsberg bedroht wurde, da standen kaum Feldtruppen zur Verfügung.

Interburger Rekruten und Offiziersanwärter, die noch in der Ausbildung waren, wurden in die Bresche zwischen Teilen der Panzergenadier-Division "Hermann Göring" und einer Infanteriedivision geworfen. Die Ver­bindung war kilometerweit unterbrochen. Und der Russe hatte die besten Stellungen in jenen Gräben bezogen, die deutsche Festungs­pioniere und die ostpreußische Bevölkerung zum Schutz ihrer Heimat in den Monaten vorher angelegt hatten. Dünn war der Sicherungsgürtel, der vor die Rote 11. Garde­division gelegt wurde. Aber die Kampf­kraft, auch der Rekruten, war einmalig, da die meisten ostpreußische Söhne waren und sich für diesen Einsatz freiwillig gemeldet hatten; denn sie wußten bereits aus den Schreckensmeldungen der Flüchtlinge, daß hier nicht nur Haus und Hof verteidigt wur­den, sondern auch Sicherheit und Leben der Angehörigen.


Hart war der Kampf um Nemmersdorf. Das eine Panzergrenadier­bataillon hatte z. B. über die Hälfte aller Offiziere durch Tod oder Verwundung ver­loren. Aber schlimmer als dieser Kampf war das, was man in den eroberten Orten er­blickte. Von Mund zu Mund ging bei den Soldaten und Zivilisten die Schreckenskunde von Nemmersdorf. Diese Bestialitäten der Sowjets trieben die Soldaten zum verzwei­felten Widerstand an. Und die Zivilbevölke­rung befiel das Grauen und die Verzweif­lung. Bilder von Nemmersdorf wurden kaum veröffentlicht; das wagte Hitler dem Volke nicht zu zeigen. "Was ihr auch alles in den Zeitungen über Nemmersdorf lest, die Wahr­heit ist noch viel schlimmer", so schrieb es damals ein Soldat von Nemmersdorf nach Hause.

In den zurückeroberten Orten lag das Vieh sinnlos hingeschlachtet. Es war ein trost­loser Anblick! Aller Hausrat zerschlagen, die Wohnungen verwüstet und besudelt, und die Leichen der vielen Zivilisten oft grausam entstellt. Als Rittmeister K. mit seinen Re­kruten zur gesprengten Brücke an der Angerapp vordrang, da trafen sie als erstes auf eine erschossene Frau, der die Kleider vom Leibe gerissen waren. Und daneben lag ihr etwa zwei Jahre altes Kind, durch Kopf­schuß getötet. In einem Raum der wenigen noch unzerstörten Häuser lagen drei Ermor­dete. Der mit Blut besudelte Fußboden des Zimmers zeigte deutlich, wie qualvoll der Tod gewesen war. Es gab noch schrecklichere Bil­der ... Trotz der Gefahren, die sich in diesen Oktobertagen für Ostpreußen gezeigt hatten, wurden die Truppen, die zur Verteidigung dieser östlichsten Provinz bereitstanden, nicht wesentlich verstärkt. Und Gauleiter Koch verbot sogar jede Vorbereitung für eine Eva­kuierung, weil er "solches Flüchten" als "Ver­zweifeln am deutschen Endsieg" ansah ...

Den westlichen Verbündeten Moskaus blieb es damals wohl noch unbekannt, daß die Sowjets wahllos wüteten und in Nemmers­dorf auch 40 französische Gefangene nicht befreit, sondern erschlagen hatten. Associated Press meldete am 26. 10. 1944: „Seit Stalingrad sind an der Ostfront nicht mehr so wahnsinnig erbitterte Kämpfe erfolgt, wie jetzt in Ostpreußen. Die härtesten Kämpfe finden im Raum von Goldap und südlich von Gumbinnen statt." — Dem Bericht sind 2 Fotoabbildungen beigegeben: Nach dem deutschen Gegenangriff: Links ein abgeschos­sener sowjetischer Panzer, rechts ein erobertes 15-cm-Geschütz. Die Originale dieser Ab­bildungen sind sonst nirgendwo mehr auf­zufinden.

 


Bericht von Fritz Feller aus Kaimeiswerder über die Nemmersdorfer Verbrechen

„Ende September 1944 hatte die Landes­bauernschaft mit den Kreisbauernführern der einzelnen Kreise Ostpreußens entgegen dem ausdrücklichen Befehl des Gauleiters einen Plan für die Räumung der östlichsten Kreise ausgearbeitet. Nach diesem Plan hatte der Kreis Gumbinnen den Kreis Gerdauen ab Aufnahmekreis zugewiesen bekommen. In meiner damaligen Eigenschaft als Kreisbauernführer hatte ich mit den einzelnen Bezirksbauernführern einen Räumungsplan mit den Abfahrtstraßen ausgearbeitet.



 
die Landkreise Ostpreußens




Eine Vorberei­tung der Räumung in Zusammenarbeit mit der Kreisleitung war nicht möglich, da diese strikten Befehl hatte, jede Vorarbeit einer Räumung zu verbieten. Als ich am 20. Ok­tober 1944 früh mit meinem Pkw nach Groß-Waltersdorf fahren wollte, standen an der Chaussee, etwa 3 km von Groß-Waltersdorf, Volkssturmmänner hinter Chausseebäumen verteilt mit je 5 Patronen in der Tasche. Ein Kradfahrer, den ich anhielt und der aus Groß-Waltersdorf herauskam, sagte mir, daß in etwa 500 m Entfernung russische Panzer anrollten. Ich habe die Panzer selbst gesehen und fuhr auf dem schnellsten Wege nach Gumbinnen zum Regierungspräsidenten. Ich traf ihn in seinem Dienstzimmer an, erklärte ihm die Lage und verlangte von ihm die sofortige Räumung der Zivilbevölkerung des Kreises Gumbinnen. Ich bekam von ihm die mündliche Erlaubnis, sie selbst durchzufüh­ren. Sämtliche Telefonverbindungen waren durch den kurz vorher erfolgten Bomben­angriff zerstört worden. Nun fuhr ich zur Kreisbauernschaft, setzte alle greifbaren Motorfahrzeuge in Bewegung, um die ein­zelnen Bezirksbauernschaften zu benachrich­tigen und gab folgenden Befehl heraus: »Der Kreis Gumbinnen marschiert am 21. Oktober 1944, früh 6 Uhr, auf den befohlenen We­gen nach dem Kreise Gerdauen." Ich selbst benachrichtigte die Bezirksbauernführer in Branden (Ischdaggen), Kanthausen (Jüdi­schen) und Nemmersdorf. Gegen Abend kam ich auf meinem Hof an und ordnete die Vorbereitungen für den Abmarsch für den nächsten Morgen an. In der kommenden Nacht, die sehr dunkel und neblig war, hörte ich laufend Artillerie- und Maschinengewehr­feuer aus Richtung Schulzenwalde. Der Flüchtlingsstrom von Fuhrwerken und Fußgängern rollte die ganze Nacht aus den Krei­sen Goldap und Stallupönen (Ebenrode) in Richtung Westen."



 
Sodehnen heute...es verschlägt einen die Sprache wie dieses alte deutsche Kulturland in der russisch annektierten Zone Ostpreußens heruntergewirtschaftet wurde



"Früh um 4 Uhr war es mir möglich, meinen Treck auf der vorgesehenen Straße Richtung Sodehnen—Gerdauen in Marsch zu setzen. Da ich jetzt auf den Ab­marsch keinen Einfluß mehr hatte, fuhr ich selbst nach Gerdauen vor, um mit dem dorti­gen Kreisbauernführer die Einweisung der einzelnen anrollenden Gemeinden vorzuberei­ten. Dieses wickelte sich verhältnismäßig rei­bungslos ab, so daß am 21. Oktober abends der größte Teil der Bevölkerung des Kreises dort eingewiesen war. Als ich durch Ge­rüchte erfuhr, daß die Russen bei Nemmersdorf zurückgeschlagen sein sollten, fuhr ich am 22. Oktober über Insterburg, Kanthausen (Judtschen) nach Nemmersdorf. Hier hatte das Panzerkorps "Hermann Göring" zusam­men mit der Ersatzschwadron des Reiterregiments 1 aus Insterburg, die Russen über Nemmersdorf in Richtung Schulzenwalde in schweren Kämpfen zurückgeschlagen.

Im Dorf Nemmersdorf selbst lagen 2 Volks­sturm-Bataillone —so weit ich mich er­innern kann, eins aus Königsberg und eins aus Gumbinnen. — Von diesen Volkssturm­männern und einzelnen Bewohnern aus Nem­mersdorf und Umgebung erfuhr ich die nä­heren Umstände des Kampfes zwischen den Truppen und über die Greueltaten, die in Nemmersdorf und Umgebung geschehen wa­ren. Nach ihren zuverlässigen Angaben kam russische Infanterie auf dem Wege Schulzen­walde—Wiekmünde (Norgallen), überschritt mit Teilen die Angerapp bei Reckein in westlicher Richtung, wo sie einen unzerstörten Steg fand, den sich eine Batterie, die bei Rotenkamp stand, gebaut hatte. Diese Teile trafen in den frühen Morgenstunden die ab­marschierenden Bauern in Reckein und Schroedershof. Die Bauern wurden vom Wa­gen gerissen und sämtlich erschossen. Dar­unter befand sich auch der Bürgermeister von Nemmersdorf, Herr Grimm. Die Erschießun­gen fanden vor den Augen der Angehöri­gen statt. In Reckein sind auch französische Kriegsgefangene erschossen worden. Ein an­derer Teil Russen stieß von der Kiesstraße Wiekmünde (Norgallen)—Nemmersdorf auf die Chaussee, die von Gumbinnen kommt und schoß dort blindlings in den Flüchtlings­strom hinein. In Nemmersdorf selbst hatte ein Teil der Bevölkerung sich nicht rechtzei­tig vor den Russen in Sicherheit bringen können und versteckte sich in Häusern, Schuppen und Chausseedurchlässen. Von diesen zurück­gebliebenen Zivilpersonen und den Flüchtlin­gen, die aus anderen Gegenden stammten, aber gerade durch Nemmersdorf treckten, ist der größte Teil umgebracht worden, z. B. der alte Viehhändler Brosius, der Fleischermeister Kaminski mit seiner Frau und seiner Schwie­gertochter mit zwei kleinen Kindern, Fräu­lein Aschmoneit, die gelähmt auf ihrem Sofa saß, der Invalidenrentner Wagner mit seiner Frau. Die Gemeindeschwester, eine junge Frau, wurde im Straßengraben niedergeschos­sen, aber nicht getötet. Ihr Mann gehörte zu­fällig zu der befreienden Truppe. Er fand sie selbst dort und hat sie noch retten kön­nen. — Dies sind die Namen der Toten, die mir noch in Erinnerung geblieben sind. Der größte Teil der Toten bestand aus Flücht­lingen anderer Gemeinden. Ich habe sie selbst gesehen. Sie sind in Nemmersdorf durch den Volkssturm beigesetzt worden. In dem Keller unter dem Getreidespeicher des Gutshofs in Nemmersdorf wurden später noch zwei verstümmelte Leichen von jungen Mädchen ge­funden, die nicht zu Nemmersdorf gehörten. Die Gesichter der im Kampf gefallenen Rus­sen trugen restlos asiatische Gesichtszüge. Der Bericht des Kriegsberichterstatters, der seiner­zeit durch den Wehrmachtsbericht, Presse und Rundfunk ging, war wahrheitsgemäß und objektiv gehalten. An dem Befreiungskampf um Nemmersdorf waren viele junge Söhne des Kreises Gumbinnen beteiligt."


Nußbaum, den 12. Januar 1953. Fritz Feller." Nach der Besetzung Ostrpreußens durch die Rus­sen richteten diese in Nemmersdorf eine Kol­chose ein. Hier mußte auch Frau Irretier aus Gumbinnen (Goldaper Tor) arbeiten, die nach ihrer Rückkehr folgendes berichtete: „Meine Kinder und ich waren mit vielen anderen Einwohnern aus Gumbinnen nach Pommern evakuiert. Hier blieben wir bis nach dem Einmarsch der Russen unbehelligt. Nachdem unter russischer Verwaltung ein neuer Bürgermeister gewählt war, bestimmte er, daß die Ostpreußen wieder in ihre Hei­mat zurückbefördert wurden. Was uns unter anderen Umständen mit der größten Freude erfüllt hätte, brachte uns jetzt ein bedrücken­des Gefühl. Was würde mit uns in der Heimat geschehen, war die bange Frage, die wir uns immer wieder stellten. Einige Transporte waren schon zusammengestellt und auch ab­gefahren; ich hatte immer noch gezögert und die Abfahrt aufschieben können. Dann kam jedoch der letzte Transport, und ich mußte mit. Die Fahrt dehnte sich endlos; wir waren wohl 14 Tage und noch länger unterwegs. Für meine drei Kinder hatte ich mir Zwie­back und dergl. mitgenommen, ebenso für mich ausreichende Verpflegung, so daß wir gedachten, wenigstens in dieser Beziehung geschützt zu sein. Die russische Begleitmann­schaft nahm uns jedoch alles weg, so daß wir am Schluß hungerten und entkräftet in Gumbinnen ankamen. Hier wurden wir in einer Unterkunft in der Brunnenstraße zusammen­gepfercht. Wir hatten Hunger; man kochte uns Grütze, die in einer Wanne ausgegossen wurde. Wir hatten keine Teller, weder Mes­ser und Gabel noch Löffel. Es gab auch kein Wasser. In dem Raum standen schmutzige Gläser herum, die sicher schon von anderen benutzt waren. Wenn wir nicht vor Entkräf­tung umsinken wollten, waren wir gezwun­gen, diese schmutzigen Gläser mit der Grütze zu füllen und hinunterzuwürgen. Auch die Kinder mußten in dieser Weise essen. Man fing nun an, uns zu verhören, und zwar immer nachts. Vorerst wurde ständig gefragt, ob man selbst oder der Mann bei der Partei war. Wenn die Frauen es ehrlich bejahten, wurden sie und die Kinder sofort ausgeson­dert. Was mit ihnen geschah, wissen wir nicht. Wir haben sie nicht wiedergesehen. Nach einigem Hin und Her wurden wir nach Nemmersdorf gebracht und mußten auf der Kol­chose arbeiten. Die Arbeit war schwer, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Das Essen war sehr schlecht. Hier ist auch mein kleinster Junge an den Folgen der schlechten Ernährung gestorben. Die Sterblichkeit war überhaupt groß. Erst im Jahre 1948 wurden die Lebensbedingungen etwas besser, blieben jedoch noch immer schlecht genug. Weitere Kolchosen gab es noch in Stannaitschen und Brakupönen (Roßlinde). Hier ist Frau Räder, geb. Krajewski, gestorben. Ihre beiden Kin­derchen wurden nach der Kolchose Nemmersdorf gebracht und hier sind auch beide ge­storben. Kurz bevor wir nach dem Westen kamen, brachte man russische Zivilarbeiter nach Nemmersdorf. Wir, die wir schon viel gesehen und erlebt hatten, was russische Kul­tur betraf, waren doch noch verwundert über das, was aus dem inneren Rußland zu uns
kam. Die Füße der Leute waren mit Lumpen umwickelt, bei den Männern hingen die Haare ungeschnitten und natürlich entspre­chend verlaust über die Schulter. Die Klei­dung war auch entsprechend. Wir schauder­ten. Zwar sahen wir auch abgerissen und elend aus, aber es trennte uns doch noch eine große Kluft von dieser Ausrüstung. Dabei kamen sie ja als freie Arbeiter aus ihrem siegreichen Vaterland, hatten also die Mög­lichkeit, alles das mitzubringen, was ihnen gehörte. Als für uns die Erlösungsstunde schlug, daß wir nach dem Westen durften, freuten wir uns über die Maßen, der Fron­arbeit entronnen zu sein. Und nun sitzen wir hier im Westen. Wenn wir an die harte Zeit in der Heimat zurückdenken, wir wollen sie nicht noch einmal erleben. Aber — es ist die Heimat. Das Bittere verwischt sich, es bleibt nur immer das Andenken an das Zuhause. Und dort sind unsere Gedanken bei Tag und bei Nacht."


 


 
Text zum Bild:
"Die Ouvertüre zur roten „Befreiung“ von Stralsund im Mai 1945 – Zerstörung der Stadt durch alliierte Bomber im Oktober 1944. Bizarre Ironie: Das eigentliche Bombenziel lag eigentlich bei Stettin, konnte aber aus Witterungsgründen nicht angeflogen werden. Heute nennt man dergleichen im amtlichen Sprachgebrauch Kollateralschaden. Niemals haben die Ärzte so viel Frauennot erfahren, wie in diesen Tagen da eine wilde Horde losgelassen war, die keinerlei Hemmungen kannte. „Tierisch“ zu sagen, wäre fast eine Beleidigung für das Tier. Ende Mai beträgt die Zahl der Selbstmorde an die hundert, in den ländlichen Gebieten soll die Zahl weit höher sein."




 
Einmarsch der Sowjetbestien in Tilsit. Text zum Bild:
"Sovietų kariuomenė okupuoja Tilžę."



Einnahme von Danzig durch sadistische Mordbanden. Text zum Bild:
"Rusų savaeigės artilerijos ISU-22 pabūklas įvažiuoja į Dancigą (dab. Gdanską , 1945-ųjų kovo 23-ioji."
(Der Smiley ist natürlich nicht von mir.)


 
Text zum Bild:
Germans Expelled from Poland after the Second World War


 


 
Text zum Bild:
"During January and February of 1945, East Prussia was surrounded by the Red Army and "evacuation" of surviving German began. Some Germans who had fled tried to return to their homes to retrieve their property or to try to find loved ones. They and the remaining German population of East Prussia were expelled with many people randomly deported as forced laborers to the Gulag. The Red Army immediately began a course of annihilation, looting and methodically erasing any trace of former German presence. Even the history of the city has been rewritten to de-Germanize it. Civilians of Königsburg flee from their burning city."


Text zu den Bildern:
Links: "Zum Weinen: Dieses Baby aus Nemmersdorf wurde von den "Befreiern" durch einen Schuß in den Kopf "befreit".
Rechts: Ein von den Rotarmisten erschlagener Junge."



 


Letzte Aktivitäten der aufgeriebenen Wehrmacht in Ostpreussen

 
Text zum Bild:
"Ein Panzergraben wird ausgehoben."


Text zum Bild:
"Noch einmal kann man die Russen hinaus werfen."

 
Text zum Bild:
"Die russiche Offensive konnte zwischen Nemmesdorf und Goldap zum stehen gebacht werden."

 
Text zum Bild:
"Weg! weg! nur weg"

 
Text zum Bild:
"Vor der Überfahrt über das frische Haff."

Unter dem relativen Schutz der Wehrmacht zu stehen, hatten wohl nur die allerwenigsten Ortschaften das Glück.


 


Der Verfasser dieses "Gedichtes" war ein ehemaliger Hauptmann der Roten Armee namens Alexander Solschenziyn.
Seine Erlebnisse gabe er in hymnischen Zeilen mit dem Titel "Ostpreussische Nächte"zu Papier:

"Noch kein Brand, doch wüst, geplündert.
Durch die Wand gedämpft - ein Stöhnen:
Lebend finde ich noch die Mutter.
Waren's viel auf der Matratze? Kompanie? ein Zug?
Was macht es! Tochter - Kind noch, gleich getötet.
Alles schlicht nach der Parole:
Nichts vergessen !
Nichts verzieh´n! Blut für Blut!
Und Zahn für Zahn.
Wer noch Jungfrau, wird zum Weibe,
und die Weiber - Leichen bald.
Schon vernebelt, Augen blutig, bittet:
Töte mich, Soldat!"


 

Am schlimmsten war es, wenn die russischen Tiefflieger kamen und auf uns schossen
von Zeitzeugin Ursula Adam, Bielefeld
Quelle: Reuth, Deutsche auf der Flucht

" Die Flucht aus Ostpreußen 1945, auch ich war elf Jahre alt und musste aus Königsberg/Ostpreußen vor den Russen mit Mutter und meinem kleinen Bruder fliehen. Die Soldaten haben nach dem Rückzug Mutter mit Kindern mitgenom­men, denn wir waren nach den beiden Bombenangriffen von den Engländern auf Königsberg nach Schloss Kirgis bei Tharau evakuiert worden.




Tharau in Ostpreußen



Unsere Solda­ten hatten die Russen nochmals aus Dör­fern zurückgeschlagen, aber es war kein Aufhalten. So zogen sie sich zurück und nahmen uns mit, dabei kamen wir in die Dörfer, wo die Russen gewütet hatten, es war grauenhaft, tote Kinder, zerstückelt, alles niedergemetzelt.

Dann schlossen wir uns einem Wagen an und zogen über das zugefrorene Haff zur Nehrung. Trecks um Trecks zogen los, ei­sige Kälte, nichts zu essen, Mutter hatte eine Seite Speck mit, das hat uns gehol­fen, am schlimmsten war es, wenn die Tiefflieger kamen und auf uns schossen. Die Wagen boten dann etwas Schutz, aber viele kamen um, überall lagen Tote. Menschen und Pferde, dann wurde das Fleisch der Tiere gegessen. Als wir vom Eis runter waren, gingen wir auf der Neh­rung Richtung Danzig weiter und immer die Angriffe von den Tieffliegern.

Ab Danzig wurden wir in Viehwaggons Rich­tung Westen transportiert, nur mit dem, was wir am Leib hatten, denn inzwischen wurde unser weniges Gepäck (Tasche mit Papieren) gestohlen. Ich war verlaust, die Füße erfroren, voller Angst, es war die schlimmste Zeit meines Lebens, wer das nicht erlebt hat, kann es nicht nachempfinden.

Ende Januar flüchteten wir, und am 13. März 1945 kamen wir in Niedersachsen Immensen bei Lehrte, an. Am 25. März wurde ich zwölf Jahre. Als die Engländer in Immensen einmar­schierten, habe ich mich auf dem Heu­boden versteckt, aus Angst, und war danr erstaunt, dass uns nichts getan wurde. Ja, das war meine Kindheit und durch die Berichte kommt alles wieder hoch."

 


Französische Kriegsgefangene, die gut behandelt wurden, setzten sich für die deutschen Frauen ein
von Renate Greiner, München
Quelle: Reuth, Deutsche auf der Flucht


"Die Freundin meiner Mutter war eine Frau von Graz, Würzburgerin wie meine Mutter, und das Schicksal ihrer Schwäge­rin, Frau von Scherzer, Rittergutsbesitzerin aus Ostpreußen, hat mich schon als 10-jähriges Mädchen tief berührt. Frau von Scherzer floh mit ihrem Mann, den Angestellten sowie den französischen Kriegsgefangenen, die damals als so genannte Fremdarbeiter auf dem großen Gut arbeiteten, vor den heranrückenden Russen.

Sie beluden 13 Pferdewagen mit dem Nötig­sten und brachen nach Westen bei bitterster Kälte auf. Während der Flucht wurde der Treck mehrmals von den Russen überrollt, doch die stets gut behandelten französischen Kriegsgefangenen setzten sich für die deutschen Frauen ein, gaben sie als ihre eigenen aus, um sie so vor Vergewaltigungen und Grausamkeiten zu schützen.

Nach unsäglichen Strapazen und Entbehrungen kamen sie endlich in Dresden an. Aber ihre Sehnsucht und Hoff­nung, nach all den schrecklichen Erlebnissen in Sicherheit zu sein, zerbarst in den fürchterlichen Bombennächten. Der Pferdetreck campierte mit vielen anderen Flüchtlingen in den Eibwiesen. Pferde und Wagen brannten lichterloh. Die Pferde waren nicht mehr zu bändigen! Die schwer beladenen
Wagen überrollten alles, was sich ihnen in den Weg stellte.

Wie viele Flüchtlinge bei diesem Bombenterror den Tod fanden, wird sich wohl niemals feststellen lassen.

Der Mann von Frau von Scherzer erlitt während dieses Infernoseinen Schlaganfall. Sie hatten alle Wagen verloren. Mit Mühe besorgte Frau von Scherzer einen Leiterwagen. Auf dem zog sie ihren gelähmten Mann den weiten Weg bis nach Ansbach zu ihrem Bruder. Als nach unsäglicher Mühsal dieses Ziel erreicht war, verstarb Herr von Scherzer. Seine letzten Worte waren:
„Ich habe so lange durchgehalten, um dich, meine Liebe, in Sicherheit bei deinem Bruder zu wissen."

Das Ehepaar von Graz lebte in unserer Nachbarschaft, in Obereichenbach bei Ansbach, in der sogenannten „Offizierssied­lung", die kurz nach Einmarsch der Amerikaner beschlagnahmt wurde. Wir haben durch die Ausweisung aus unserem Zuhause
das Ehepaar von Graz und Frau von Scherzer aus den Augen
verloren, aber das Schicksal dieser tapferen Frau habe ich bis heute nicht verdrängen können."
 

Sie beschossen unsere Straße mit Stalinorgeln
von Ruth Bosse, Bad Emstal-Riede
Quelle: Reuth, Deutsche auf der Flucht


" Es war Anfang April 1945. Der Russe hatte die Stadt schon fast eingeschlossen. Unsere Soldaten hatten noch die Straße nach Pillau freigekämpft. Es waren noch sehr viele Frauen und Kinder in der Stadt. Am Freitagmorgen sollte ich etwas für meine Mutter besorgen. Wir saßen im Luftschutzkeller bei einer Schwester von Mutti mit ihren fünf Kindern und wir vier Kinder. Ich war fast 13 Jahre, da fing der Russe an mit Stalinorgeln die Straße zu beschießen.




Die Sowjets greifen Königsberg an ...



Gleichzeitig kamen die Tiefflieger und bombardierten. Ich konnte nicht zurück und versuchte, durch tote Soldaten und tote Pferde in die Innenstadt zu meinem Vater zu kommen, der in einem Lazarett als Sanitäter arbeitete.

Ich fand meinen Vater. Es gingen den ganzen Samstag schwere Bomben und Phosphorangriffe auf die Stadt.

Sonntagmorgen, den 8. April 1945, fuhr noch ein Sanitätsbus mit Ärzten, Schwestern und Sanitätern (mein Vater und ich) in größter Hast aus der Stadt, der Russe hatte schon viele Stadtteile eingenommen. Etwa um zehn Uhr waren wir auf dem Weg nach Pillau. Um 13 Uhr hörten wir die Sondermeldung: „Königsberg ist vom Russen eingenommen."

Am Dienstag, dem 10. April 1945, sind mein Vater und ich aufs Schiff nach Dänemark gegangen. In Kopenhagen wurde ich von meinem Vater getrennt. Die Kinder kamen in eine Schule und später in Heime.

Am 14. September 1946 bin ich in Dänemark konfirmiert worden, ohne Wissen, ob meine Angehörigen noch am Leben sind. 1947 erfuhr ich über das Rote Kreuz, dass mein Vater noch lebte und auch den Aufenthaltsort. Meine Mutter und Geschwister sowie Tante mit Kindern wurden 1948 aus Königsberg ausgewiesen. Die kämpfende russische Truppe hatte Frauen und Kinder in Schulen eingesperrt. Dadurch ist den eingesperrten Frauen viel Leid erspart geblieben. Während die nachfolgende Truppe 24 Stunden mit der Bevölkerung machen konnte, was sie wollte. Ich war 16 Jahre alt, als unsere Familie wieder vereint war."

 


Auf den Straßen Königsbergs verwesten die Leichen
von Günther Sitt, Hamburg
Quelle: Reuth, Deutsche auf der Flucht

"Als heute 85-Jähriger habe ich nicht nur die Flucht aus Königsberg mit­erlebt, sondern auch ab 1941 den gesamten Russlandfeldzug bis zur Kapitulation 1945, mit anschließen­der 4-jähriger russischer Gefangenschaft.

... Nach einem Jahr Lazarett wurde ich als KV-be­dingt nach Königsberg in Ostpreußen versetzt, wo ich als Soldat, Ende 1944, den Einfall der Russen auf deut­sches Gebiet, die Einkesselung Königsberg und die Flucht und Vertreibung der Bevölkerung bis zur Halb­insel Heia, bei Danzig, miterlebte.
Das Leid, besonders der Frauen und Kinder, war unbeschreiblich, da der Gauleiter, ein Vertrauter Hit­lers, absichtlich verhindert hatte, die Bevölkerung zur Flucht in den Westen aufzufordern.

Im Gegenteil: Die schöne Stadt Königsberg, die monatelang von den Russen eingekesselt war, wurde zur Festung erklärt, obwohl 60 % der einwohnenden Bevölkerung in der Stadt noch lebte. Das Sterben einer eingekesselten deutschen Großstadt, die nach monatelangem Bom­benterror aus der Luft und durch Bodenartillerie bis auf die Grundmauern zerstört wurde, mit verstümmelten Leichen, die auf den Straßen und Trümmern verwesten, werde ich nie vergessen.

Ein erster Ausbruchsversuch der deutschen Wehrmacht
, der im Dorf Metgethen bei Königsberg endete, machte mich zum Augenzeugen von unvor­stellbaren Gräueltaten, die an Frauen, Kindern und Greisen begangen wurden. Bei einem zweiten Aus­bruchsversuch unter Oberstleutnant von Wangenheim von Juditten aus, einem westlichen Stadtteil von Kö­nigsberg, erhielt ich den Befehl, unnützes Gerät aus meinem Funkwagen zu entfernen, um Frauen und Kin­der mitzunehmen. Dieser Ausbruchsversuch mit einer kleinen Kampftruppe gelang bis Pillau am Frischen Haff. Eine junge Mutter mit Kind in meinem Fahrzeug konnte somit gerettet werden. Die zurückgebliebenen Frauen erlitten durch Vergewaltigungen, Verschleppung und qualvollen Tod ein grauenvolles Schicksal.

Die in Pillau kein rettendes Schiff über die Ostsee in den Westen ergattern konnten, mussten zu Fuß in endlosen Trecks in beißender Kälte über die Nehrung, unter ständigem Fliegerbeschuss mit hohen Verlusten bis Danzig, Gotenhafen oder Heia, weiterflüchten. Aber auch ein zunächst rettendes Schiff bot keine Garantie zum Überleben. Es war die Zeit, wo die „Wilhelm Gustloff mit ca 5000 Menschen an Bord, vornehmlich Frauen und Kinder, unterging. Im Mai 1945 geriet ich auf der Halbinsel Hela in russische Gefangenschaft, wo das Leid in anderer Wei­se durch Kolbenschläge, Hunger, Kälte, unerträgliche
harte Arbeit und Strafen weiterging."




die Wilhelm Gustloff



Anmerkung: Die Wilhelm Gustloff legte am 30. Januar 1945 gegen 13 Uhr mit nur leichtem Geleitschutz und schätzungsweise über 10.000 Menschen an Bord in Gotenhafen ab. Mit ca. 8800-9300 Toten, hauptsächlich Frauen und Kinder, ist der Untergang der Wilhelm Gustloff bis heute die größte Katastrophe der Seefahrtsgeschichte. Bei diesem Beitrag wurde in diesem Buch denkbar schlecht recherchiert!


 


Oben hörte ich meine Mutter laut weinen und schreien
von Marianne Jecht, Halle
Quelle: Reuth, Deutsche auf der Flucht

"Ich, Marianne Jecht, geborene Koß, bin 1938 in Lieb/Kr. Königsberg geboren. 1944 wurde ich eingeschult. Doch das war nicht von Dauer. Nach einem halben Jahr musste ich wegen Kriegseinwirkungen die Schule verlassen. In Königsberg marschierten die Russen ein.

Es begann für uns die Hölle. Meine Mutter lebte mit mir und meinen zwei Brüdern, einer elf und einer zehn Jahre alt, in einer Siedlung in Lieb. Hier wurden wir von den Russen rausgeschmissen. Wir kamen in ein großes Lager und waren mit vielen Menschen auf engstem Raum eingepfercht. Nach etwa einer Woche konnten wir wieder in unsere Wohnung, doch es zeig­te sich uns ein Bild des Grauens.

Die Wohnung war vollständig zerwühlt, Fensterscheiben kaputt, die Türen mit Füßen durchgetreten. Sämtli­che Sachen, die wir ja alle zurücklassen mussten, lagen verstreut auf der Straße... Ich musste sehen, dass meine Lieblingspuppe vollkommen zerschmettert auf dem Boden lag. Arme und Beine waren herausgerissen und der Kopf war eingetreten. Mir hat mein kleines Kin­derherz vor Kummer geblutet. Noch heute steigt in mir Wut auf, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.

Meine Mutter raffte schnell ein paar Sachen für uns Kinder in einen kleinen Koffer zusammen. Doch als wir gerade den Weg überqueren wollten, hielt ein Laster kurz an, ein Russe sprang herunter, trat meine Mutter in den Unterleib, riss ihr den Koffer aus der Hand und war verschwunden.

Nun standen wir da mit nichts! Wir liefen und liefen, wussten jedoch nicht, wohin. Dann endlich kamen wir in eine andere Siedlung, die fast leer stand. Alle, die nun eine Bleibe suchten, liefen in die leer stehenden Häuser. Die Häuser hatten ein Unter- und ein Obergeschoss. Hier ließen uns die Rus­sen auch nicht in Ruhe. Eines Tages, ich sehe es noch wie heute, kamen zwei große, kräftige Russen ins Haus. Sie sahen sich um, griffen meine Mutter und wa­ren plötzlich verschwunden. Nach einer ganzen Zeit hörte ich, wie die zwei Russen vom Obergeschoss la­chend herunterkamen. Von oben hörte ich meine Mutter laut weinen und schreien. Die zwei hatten sie brutal vergewaltigt, eine Frau kümmerte sich um mei­ne Mutter. Ich schlich mich hoch und sah meine Mutter auf einer nackten Federmatratze liegen, Hose und Bluse waren zerrissen und sie schrie nur im­mer: „Nein, die Russen, die Russen!" Dann wurde sie ohnmächtig.

Hier konnten wir auf keinen Fall bleiben. So ist meine Mutter mit uns drei Kindern in den Schreber­garten gezogen. Von hier aus war es nicht weit bis in die Stadt. Mutter war schwach und krank, sie hatte zu viel miterlebt und ihr Herz wurde immer schwächer. Wir drei Kinder gingen nun jeden Tag in die Stadt und ha­ben von Tür zu Tür um ein Stück Brot gebettelt. Mir gaben die Russenfrauen ab und zu etwas zu essen, doch meine Brüder hatten es schwer. Sie mochten nur kleine Kinder und mein älterer Bruder wurde oft die Treppe heruntergeschubst und getreten, dazu kam immer das hässliche Gerede: „Wenn du Hunger hast, geh zu Hit­ler!" Es war grausam. Da Hunger sehr weh tut, haben wir in den Höfen auf den Müllbergen nach etwas Ess­barem gesucht. Ab und zu fanden wir mal eine Kartoffel, ein paar Nudeln oder einen verfaulten Apfel. Doch die Russenfrauen wurden beauftragt, jedes bettelnde Kind zu melden. Nun ging es uns noch schlechter. Wir bekamen von niemandem mehr etwas zu essen. Da fand mein Bruder eines Tages auf einem Abfall verschimmeltes Brot. Er dachte, ehe wir alle verhungern, essen wir etwas davon. Mein großer Bruder und ich ha­ben noch etwas braunes Brot herausgefunden, jedoch mein kleiner Bruder war so ausgehungert, dass er das grasgrüne Brot aß. Noch am selben Tage starb er schrecklich an den Folgen der Vergiftung. Wir waren alle sehr traurig und beschlossen, unseren kleinen Son­nenschein, der ca. zehn Jahre alt war, nicht für ein Mas­sengrab freizugeben. So haben meine Mutter und mein großer Bruder ihn heimlich nachts im Garten begraben.

Das alles machte meine Mutter noch kränker und schwächer. Wir hat­ten schon seit Tagen nichts Richtiges mehr gegessen, mal ein paar Kartoffelschalen, mal eine Wassersuppe. Da kam ein Russe zu uns in den Garten, der hatte Kon­servenbüchsen dabei. Er sagte: „Frau, du kriegen zu es­sen für deine Kinder, ich kriege das." Er zeigte dabei auf den Ehering meiner Mutter. Doch sie wehrte sich mit allen Mitteln dagegen; es war doch das Einzige, was sie an meinen Vater erinnerte. Sie überlegte sehr lange, doch als sie uns beide ansah, war der Hunger stärker, und sie willigte ein. Der Russe bekam den Ring und verschwand. Wir hatten großen Hunger und öffneten sofort die Büchsen, doch was wir sahen, waren Lumpen und Erde. Da haben wir alle geweint, einmal vor Hun­ger und einmal vor Wut.

Mein Bruder und ich gingen wieder betteln, egal, auch wenn wir von den Russen Prügel bezogen. Auch Mutter wurde des Öfteren geschlagen und bedroht, den Schrebergarten zu verlassen. Mutter hielt die Qual nicht mehr aus und schickte mich zur Gemeinde­schwester. Diese kam gleich mit mir mit. Wir packten meine schwer kranke Mutter in einen kleinen Hand­wagen. Wir legten ihr ein Federbett bei, das die Schmerzen lindern sollte. Sie hatte zu ihrem kranken Herzen noch Wasser in Armen und Beinen bekom­men. Wir brachten sie nach Königsberg ins Elisabeth-Krankenhaus. Da ich erst 6 Jahre alt war, bat Mutter, mich mit aufzunehmen, was aber sofort abgelehnt wur­de. Heute weiß ich, warum. Meine Mutter soll dann nicht mehr lange gelebt haben. Nun stand ich allein auf der Straße in einer großen, zerbombten Stadt. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte, wo ich hinlau­fen sollte. Ich bin dann einfach den Weg zurückgelau­fen und wollte wieder zu unserem Schrebergarten. Da treffe ich zufällig meinen Bruder. Er stand freudestrah­lend vor mir und sagte, hier habe ich einen Sack Kar­toffeln, da wird sich die Mutter freuen.

Doch seine Freude hielt nicht lange an, als ich ihm erzählte, dass Mutter im Krankenhaus ist. Nun hatten wir Kartoffeln, aber keine Unterkunft. Zum Schrebergarten durften wir nicht zurück. Mein Bruder hatte zwei Jun­gen kennengelernt, bei denen wir vor­läufig bleiben durften. So war es wort­wörtlich, denn als die Kartoffeln aufgegessen waren, warfen sie uns raus. Nun wussten wir wieder nicht, wo­hin. Tagsüber sind wir herumgelaufen, um etwas zu essen zu besorgen, und wenn es vom Abfallhaufen war. Wenn der Abend kam, haben wir uns heimlich in Bo­denkammern oder auf offenen Böden versteckt. Doch das bekamen die Russen bald mit, des Öfteren haben sie die Dachböden nach Kindern abgesucht. Ich habe Todesängste ausgestanden, die hätten uns doch glatt umgebracht. Dann kam eine Zeit, wo mein Bruder mich immer öfter allein ließ. In Königsberg gab es nichts mehr zu essen, jeder, der uns etwas gab, machte sich strafbar. So tat mein Bruder, wie viele andere Jun­gen auch, auffahrende Züge klettern und bis ins näch­ste Dorf mitfahren. Ich war zu dieser Zeit viel allein, hatte nichts zu essen, war nur müde. Mein Bru­der brachte hin und wieder etwas zu essen, doch meist schaffte er es nicht bis zu mir, weil er selber großen Hunger hatte. Ich wurde immer schwächer, es gab keine Toiletten oder dergleichen.

Die Russen sind einmal sogar mit der Axt hinter mir hergerannt, als sie mich im Keller erwischten. Da ich in letzter Zeit viel allein war, kam es, dass ich ein­machte, weil ich mich nirgends mehr hintraute. So lag ich nun Tage oder Wochen, ich weiß es nicht mehr, in meinem eigenen Dreck. Ich war so verdreckt, dass ich Krätze bekam. Dazu Kleider- und Kopfläuse. Es war kalter "Winter geworden und eines Tages stand mein Bruder vor mir. Ich war so geschwächt, dass ich ihn kaum erkannte. Er bat mich, aufzustehen und mitzukommen. Doch mir war alles egal. Ich wollte, wie ein Kegel zusammengerollt, auf dem Boden liegen blei­ben und schlafen. Doch mein Bruder ließ nicht locker. Da es sehr kalt war, hatte mein Bruder um mich große Angst, ich könne erfrieren. Nach langem Betteln bin ich dann aufgestanden mit letzter Kraft. Mein Bruder stützte mich, sonst wäre ich zusammengebrochen. Meine Kleidung bestand zu dieser Stunde aus einem Schuh und einem Pantoffel sowie einem Kartoffelsack und einer vollgeschissenen Hose. So sind wir dann zur russischen Kommandantur gegangen. Die konnten nicht glauben, dass wir so lange ohne Behausung und Essen durchgehalten haben.
Noch am selben Tag kamen wir beide in ein Auffanglager.
Die Haare wurden uns geschoren, die Kleidung verbrannt und dann ging es ab in die Wanne. War das herrlich, endlich mal wieder mit Wasser in Berührung zu kommen. Mein Bruder kam in ein anderes Zimmer als ich, da er älter und nicht so unterernährt war wie ich. Ich lag im Nebenraum. Ich weiß noch wie heute, dass wir nicht mehr als einen Löffel Bratkartoffeln bekamen. Die gab ich meinem Bruder, er sollte leben, mir war alles egal.

Wir waren hier nur kurze Zeit zusammen. Dann hieß es, morgen geht ein Transport los. Ich war leider nicht transportfähig, vollkommen unterernährt und schwach. Niemand wusste, wohin der Transport ging. Nun war ich ganz allein. Ich wollte für immer schlafen. Ich wurde noch am selben Tag in ein Krankenhaus ein­geliefert. So verlor ich meinen Bruder aus den Augen. Die Kinderstation war überbelegt, so kam ich auf die Frauenstation. Vielleicht sollte es so sein. Ich fühlte mich zwischen den vielen Frauen, neun Personen, sehr wohl; jede wollte mich etwas verwöhnen, denn man wusste, dass ich ein Waisenkind bin. Da mein Magen keine Nahrung annahm, wurde mir mehrfach der Magen ausgepumpt. Das war eine Qual, denn ich musste einen Schlauch schlucken. Da ich wieder ganz von vorn mit dem Essen anfangen musste, bekam ich ein Dreivierteljahr lang nur Schleimsuppen und ständig Sprit­zen. Mein Po sah aus wie ein Sieb. Ich habe ständig durch die Unterernährung gefro­ren und lag zusammengerollt im Bett. Dadurch haben sich die Sehnen in den Kniekehlen verkürzt. Als ich ei­nes Tages aufstehen und ein Stück gehen sollte, musste ich mit Schrecken feststellen, dass das nicht mehr ging. Meine Beine waren krumm, ich konnte nicht mehr lau­fen. Der Gedanke, du wirst nie mehr richtig gehen können, machte mich schon als Kind fertig.
Jetzt begannen für mich Höllenqualen. Jeden Tag setzte sich die Ärztin auf meine Beine und versuchte, sie durchzudrücken. Es war grausam. Das kann man mit Worten nicht beschreiben.

Da beschlossen die Ärzte, meine Bei­ne zu schienen. Da ich die Schmerzen kaum noch er­tragen konnte und bei Nacht keine Ruhe fand, habe ich die Schienen abgewickelt. Das war der Ärztin zu viel. Ich kam sofort in ein Einzelzimmer und erhielt noch schwerere Schienen an die Beine gebunden. Die­se konnte ich nicht mehr abwickeln. So viel geweint und geschrien wie in dieser Nacht hatte ich lange nicht. Heute noch habe ich eine große Narbe am Oberbein von diesen Eisenschienen. Nun sah es die Ärztin selber ein, dass das zu nichts führen wird. Am nächsten Tag bekam ich eine Narkose und als ich erwachte, merkte ich, dass die Beine wieder gerade waren. Doch nun musste ich das Laufen neu lernen, von einem Möbel­stück zum anderen. Da ich ja nur Schleimsuppe bekam, war ich noch sehr schwach auf den Beinen, auch mein Herz war schwach, sodass ich mit sechs Jahren wie ein alter Mensch nach Luft ringen musste.

Eines Tages hieß es, das Krankenhaus wird ge­räumt. Da ich noch klein und unselbstständig war, mussten die kranken Frauen sich verpflichten, ein Kind zu betreuen. Dann ging es los. Wir sind wochen­lang mit dem Zug gefahren, immer wieder mussten wir raus, auch bei Nacht, und wir wurden gezählt. Keiner wusste, wohin der Zug geht, irgendwann wurde ausge­stiegen und ich bekam mit, dass wir uns in Berlin be­fanden. Alle Mitreisenden wurden aufgeteilt. Ich kam bei Nacht und Nebel nach Königsmark. Das liegt im Kreis Osterburg. Hier kam ich in ein Kinderheim, wo ich fünf Jahre lebte. In dieser langen Zeit erfuhr ich nichts von meinem Bruder, wusste nicht, ob meine Mutter noch lebte, ob ich überhaupt noch einen Vater habe. Als mein Vater dann aus der Gefangenschaft kam, suchte er durch das DRK seine Angehörigen. Leider fand er nur meinen großen Bruder. Er war da­mals von Königsberg mit dem Transport auf die Insel Rügen gekommen. Da ich noch nicht gesund war, viele Krankheiten bekam, z. B. doppelseitige Mittelohr­entzündung, und Entwicklungsstörungen hatte, konnte ich erst mit zehn Jahren wieder eine Schule besu­chen und musste noch einmal ganz von vorn begin­nen. Eines Tages kam eine Suchkarte vom DRK.

Die Heimleiterin fragte mich, ob ich mich an meinen Bru­der erinnern könnte. Na klar konnte ich das, denn schließlich verdanke ich ihm mein Leben. Durch ihn habe ich erst vom Tod meiner Mutter erfahren, welche an einem Herzleiden gestorben ist. Dies war meine Geschichte.

 

Im Oktober 1948 wurden wir aus dem Kreis Elchniederung ausgewiesen
von Inge Kluge, Chemnitz
Quelle: Reuth, Deutsche auf der Flucht



" Flucht und Vertreibung aus Klein Marienwalde habe ich, damals acht bis neun Jahre alt, mit Mutter und Ge­schwistern in ganz schrecklicher Erinnerung. Dokumente und Fotos haben wir keine, wir haben alles verloren. Als die Front sich den Flüchtlingstrecks 1945 näherte, mussten alle Flüchtlinge die Straße räumen für die russischen Panzer. Die Plünderungen begannen sofort, zuerst nach Uhren und Schmuck. Es kam noch schlimmer, es gab für die Frauen und Mädchen keine ruhige Nacht mehr. Wir mussten für die Nacht auf den nächstgelegenen Bauernhof, dort holten sich die Russen alle Frauen. Sie standen in Schlange, um die Frauen zu missbrauchen. Es war ein fürchterliches Weinen und Schreien.

Fortan mussten alle Flüchtlinge umkehren, zurück nach Ostpreußen. Seitdem waren wir der Willkür der Russen ausgeliefert. Wir konnten uns seit­dem nur im Dunkeln einen Schlafplatz für die Nacht suchen, um nicht belästigt zu werden. Das war eine Scheune, ein verlassenes Haus. Sobald die Russen uns bemerkten, waren sie da und griffen sich die Frauen. Es war ein Leben in Angst und Schrecken. Hinzu kam noch, dass die Polen uns die letzte Habe abnahmen. Sie nahmen sich die Flüchtlingswagen und fuhren davon, mit allem, was wir mit auf die Flucht genommen hatten. Wir behielten nichts mehr. Wir mussten zurück nach Ostpreußen, aber zu Fuß. Wir lebten in ständiger Angst und Furcht vor den Russen, hinzu kam die große Not.

Die Deutschen mussten für die Russen auf den Feldern arbeiten, ohne Lohn, ohne Verpflegung. Das war Sklaverei. Unsere Mutter starb 1947. Viele Flüchtlinge haben das Elend nicht überlebt. Wir waren Kriegsvollwaisen geworden, drei Geschwister, Irene 1934, Inge 1936, Gislinde 1940. Erst im Oktober 1948 veranlassten die Russen die Ausweisung aller Deutschen aus dem Kreis Elchniederung/Ostpreußen. Die Heimatvertriebenen haben in besonderer Weise für den fürchterlichen Krieg büßen müssen.