Heiduczek, Werner

  

 

 

 

 

*     24.11.1926, Hindenburg OS
†    

 

 

Schriftsteller.

Werner Heiduczek: kämpfte als Soldat im Zweiten Weltkrieg und geriet in russische Gefangenschaft. Von 1946 bis 1949 studierte er Pädagogik und Germanistik und war dann als Lehrer und Schulrat tätig. 1953 wurde er freier Mitarbeiter der Akademie der Künste in der DDR und arbeitete später als Deutschlehrer an einem Fremdsprachengymnasium in Bulgarien. Seit 1965 ist Werner Heiduczek freier Schriftsteller. Er lebt (2009) in Leipzig.
 

Heiduczek stammt aus einer katholischen schlesischen Arbeiterfamilie. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er als Flakhelfer und später zur Wehrmacht eingezogen. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft, konnte sich aber der Zwangsarbeit in der Sowjetunion entziehen. Ab Januar 1946 nahm er an einem Kurs für sog. Neulehrer in Herzberg (Sachsen-Anhalt) teil. Bis 1952 wirkte er als Lehrer, Schulinspektor und schließlich Kreisschulrat in Merseburg. Ab 1953 absolvierte er in Potsdam ein Aufbaustudium in Pädagogik und war anschließend bis 1961 erneut im Schuldienst tätig. Von 1961 bis 1964 wirkte er als Deutschlehrer im bulgarischen Burgas. Ab 1965 war er als freier Schriftsteller in Halle/Saale ansässig; heute lebt er in Leipzig.

Heiduczek schrieb anfangs Erzählungen, Stücke und Hörspiele für Kinder und Jugendliche. In späteren Werken behandelte er das Schicksal von Heimatvertriebenen und ihre Integration in die DDR-Gesellschaft. Sein 1977 erschienener Roman Tod am Meer, die autobiografisch gefärbte, skeptische Lebensbilanz eines DDR-Künstlers, wurde 1978 auf Intervention des sowjetischen Botschafters in der DDR wegen angeblich antisowjetischer Passagen verboten. Bis zum Ende der DDR verlegte sich Heiduczek daraufhin vermehrt auf Stoffe aus Märchen und Sage.

Heiduczek war seit 1960 Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR; seit 1990 gehört er dem Verband Deutscher Schriftsteller und dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland an, seit 1992 der Freien Akademie der Künste zu Leipzig. Er erhielt u.a. folgende Auszeichnungen: 1969 den Heinrich-Mann-Preis und den Händel-Preis der Stadt Halle, 1976 den Kunstpreis der Stadt Leipzig, 1988 den Alex-Wedding-Preis, 1995 den Eichendorff-Literaturpreis der Stadt Wangen im Allgäu sowie 1999 das Bundesverdienstkreuz.

 

  • Jule findet Freunde, Leipzig 1959

  • Matthes und der Bürgermeister, Halle/Saale 1961

  • Matthes, Berlin 1962

  • Abschied von den Engeln, Halle/Saale 1968

  • Die Brüder, Berlin 1968

  • Jana und der kleine Stern, Berlin 1968 (zusammen mit Karl-Heinz Appelmann)

  • Laterne vor der Bambushütte, Berlin 1969 (zusammen mit Karl-Heinz Appelmann)

  • Mark Aurel oder Ein Semester Zärtlichkeit, Berlin 1971

  • Der kleine häßliche Vogel, Berlin 1973 (zusammen mit Wolfgang Würfel)

  • Die seltsamen Abenteuer des Parzival, Berlin 1974

  • Vom Hahn, der auszog, Hofmarschall zu werden, Berlin 1975 (zusammen mit Wolfgang Würfel)

  • Im Querschnitt, Halle (Saale) 1976

  • Tod am Meer, Halle (Saale) 1977

  • Das verschenkte Weinen, Berlin 1977

  • Die schönsten Sagen aus Firdausis Königsbuch, Berlin 1982

  • Dulittls wundersame Reise, Berlin 1986 (zusammen mit Wolfgang Würfel)

  • Reise nach Beirut. Verfehlung, Halle [u.a.] 1986

  • Der Schatten des Sijawusch, Halle [u.a.] 1986

  • Orpheus und Eurydike, Berlin 1989

  • Im gewöhnlichen Stalinismus, Leipzig [u.a.] 1991

  • Der kleine Gott der Diebe, Leipzig 1992

  • Verfall einer Zeit, Würzburg 1992 (zusammen mit Gerhard Hopf und Falk Brunner)

  • Deutschland - kein Wintermärchen oder Draußen vor der Tür, Berlin 1993

  • King Lear, Chemnitz 2000 (zusammen mit Andrea Lange)

  • Der singende Fisch, Berlin 2000 (zusammen mit Jutta Mirtschin)

  • Die Schatten meiner Toten, Leipzig 2005


Schriftsteller auf der „agra“, Leipzig, 5. Juli 1968, v.l.n.r.:
Werner Bräunig, Jochen Schäfers, Werner Heiduczek und Werner Reinowski.

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1956: Klasse 10b mit dem Klassenleiter Werner Heiduczek
Foto von Barbara Stolz (Dix)
Sportgymnasium Halle
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  (Foto: Traudel Thalheim)

Werner Heiduczek wurde als fünftes Kind einer katholischen Arbeiterfamilie in Hindenburg/Oberschlesien geboren. Seine Eltern, der Vater war Maschinenbauschlosser, konnten ihn 1937 auf die Oberschule schicken, von wo er 1943 als „Luftwaffenhelfer“, 1944 zum „Reicharbeitsdienst“ und zur „Wehrmacht“ einberufen wurde. Im Mai 1945 geriet er zunächst in amerikanische, später in sowjetrussische Kriegsgefangenschaft, wurde aber schon im August 1945 entlassen.

Danach war er Gelegenheitsarbeiter in der Landwirtschaft und im Gleisbau, im Januar 1946 konnte er für acht Monate in Grochwitz bei Herzberg/Mark Brandenburg einen Kurs für „Neulehrer“ besuchen, war zwei Monate Dorfschullehrer in Wehrhain/Kreis Herzberg, studierte anschließend Pädagogik und Germanistik in Halle/Saale und wurde 1949 als Lehrer für Latein und Geschichte an der Herzberger Oberschule eingesetzt, wo er schon 1950 stellvertretender Direktor wurde.

Als er 1951, im Alter von 24 Jahren, Referent für Oberschulen im „Ministerium für Volksbildung“ des Landes Sachsen-Anhalt geworden und nach Halle übergesiedelt war, schien ihm ein steiler Aufstieg im DDR-Bildungswesen offenzustehen. Er wurde 1952 Kreisschulrat in Merseburg, absolvierte 1953/54 ein Erweiterungsstudium für Germanistik an der Pädagogischen Hochschule in Potsdam und schrieb seine Diplomarbeit über den kommunistischen Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953), dessen Nachlaß er in der Ostberliner „Akademie der Künste“ aufarbeitete.

In den vier Jahren 1955/59 wirkte er als Lehrer für Geschichte und Deutsch an der Jugendsportschule „Friedrich Engels“ in Halle und ging 1961 nach Burgas in Bulgarien, wo er drei Jahre Lehrer für Deutsch am Fremdsprachengymnasium war, 1964 kehrte er nach Halle zurück, war vorübergehend Dozent am Herder-Institut Leipzig und entschloß sich 1965, als freischaffender Schriftsteller zu arbeiten. 1972 verzog er von Halle nach Leipzig, wo er heute noch lebt.

Als Schriftsteller wurde Werner Heiduczek mit der für Kinder geschriebenen Erzählung „Jule findet Freunde“ (1958) bekannt, für die er mit dem Literaturpreis des „Ministeriums für Kultur“ ausgezeichnet wurde. Der staatlich angeordneten Literaturbewegung des „Bitterfelder Weges“ vom 24. April 1959 konnte er sich nicht entziehen und arbeitete noch im selben Jahr mehrere Monate als Bauhilfsarbeiter bei den Chemischen Werken Buna in Schkopau. Sein Ziel war, wie man in seiner Autobiografie „Im Schatten meiner Toten“ (2005) nachlesen kann, dem „ungeliebten Lehrerberuf zu entfliehen. Das hatte er auch in früheren Jahren schon versucht, als er „in Merseburg als Schulrat gescheitert“ (Autobiografie) war, was in DDR-Monografien über Leben und Werk verschwiegen wurde. So wollte er bei Alfred Kantorowicz (1899-1979) an der Ostberliner Humboldt-Universität eine Dissertation über „Friedrich Wolf und sein expressionistisches Frühwerk“ schreiben, gab aber auf, als sein Doktorvater im Sommer 1957 nach Westberlin geflohen war.

Literatur für Erwachsene begann er zu schreiben, als er 1964 aus Bulgarien zurückgekehrt war, wobei es ihm in seinem Roman „Abschied von den Engeln“ (1968) auch darum ging, den aus Oberschlesien mitgebrachten Stoffvorrat zu verarbeiten. Die vier Geschwister Marula leben 1959/60, also noch vor dem Mauerbau 1961 in Berlin, in beiden deutschen Nachkriegsstaaten: in Westdeutschland der progressive Theologe Max und die „kapitalistische“ Schuh- und Pelzhändlerin Anna, in Mitteldeutschland Herbert, stellvertretender Bezirksratsvorsitzender, und Thomas, Direktor einer Oberschule. Weitere Figuren sind Annas Sohn Franz, der in die DDR übersiedelt, Herberts Frau Ruth, die zu Thomas überläuft, und ihr in Westdeutschland als KPD-Funktionär inhaftierter Vater. Werner Heiduczek ist ein guter und sicherer Erzähler, aber das Buch ist mit Ideologie überfrachtet und überzeugt kaum. Eine Verfilmung des Romans wurde abgebrochen, der Autor aber bekam 1969 den Heinrich-Mann-Preis verliehen.

Der stark autobiografisch eingefärbte Roman „Tod am Meer“ (1977) wurde bereits diskutiert und analysiert, bevor er erschienen war. Ein Auszug war bereits 1976 in der Anthologie „Im Querschnitt“ des Mitteldeutschen Verlags in Halle abgedruckt worden, außerdem hatte der Verlagsleiter Dr. Eberhard Günther ohne Wissen des Autors das noch unfertige Manuskript weitergegeben, so daß es schließlich auch die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit in Halle erreichte, wo Werner Heiduczek als „operativer Vorgang Schreiber“ geführt wurde.

Es geht in diesem Roman um unaufgearbeitete Vorgänge im Leben des sozialistischen Schriftstellers Jablonski, der aus Oberschlesien stammt, heute in Leipzig lebt und der während einer Vortragsreise in Bulgarien einen Schlaganfall erleidet, an dem er Wochen später stirbt. Im Bezirkskrankenhaus von Burgas versucht er, „sein Leben zu korrigieren“ und legt seinem bulgarischen Bettnachbarn gegenüber ein ehrliche und rücksichtslose Beichte über seine und seiner Partei Verfehlungen seit 1946 ab.

Werner Heiduczek hatte sich bei der Veröffentlichung dieses Buches, das voll politischer Sprengkraft war, durch literarische Kunstgriffe abgesichert. Er verfremdete den Stoff, indem er nicht als Autor, sondern lediglich als Herausgeber des Manuskripts, das ihm über den Verlag von der Witwe Anissa Jablonski zur Bearbeitung übergeben worden war, auftrat. Er weigerte sich auch, „Eingriffe im Manuskript vorzunehmen“, um es politisch zu entschärfen. Was der Literaturkritik und dem Sowjetbotschafter Pjotr Andrejewitsch Abrassimow in Ostberlin, auf dessen Intervention der Roman nach der zweiten Auflage verboten wurde, mißfiel, waren die nicht einmal geschilderten, sondern nur angedeuteten Vergewaltigungen deutscher Frauen beim Einmarsch der „Roten Armee“ 1945 in Deutschland: „Mit dem, was in jener Nacht und am folgenden Morgen auf diesem Bauernhof geschah, bin ich all die Jahre über nicht fertig geworden.“

Vernichtend waren, was das Buch nur noch begehrter machte, die Urteile der parteiamtlichen Rezensenten. Hans Koch, Direktor des „Instituts für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED“, sprach am 15. April 1978 im „Neuen Deutschland“ davon, daß das „Gesellschaftsbild des realen Sozialismus“ angezweifelt würde, weil hier „selbstzerstörerische Züge“ wirksam wären. Und Werner Neubert warf im SED-Bezirksblatt „Berliner Zeitung“ vom 8. Juli dem Autor vor, in diesem Buch dem „Klassenfeind“ mit den angedeuteten Vergewaltigungen Munition zu liefern für „Verleumdungen“, denn die „Rote Armee“ könnte auf ihre „opfervolle Geschichte der Rettung der Menschheit vor dem Versinken in die Barbarei“ verweisen, die „wirklichen historischen Erfahrungen unserer Arbeiter, unserer Bauern, unserer Intelligenz“ wären geprägt „vom täglichen Humanismus und der Freundschaft mit dem Sowjetvolk“. Der letzte Satz der Rezension lautete: „So bleibt der Eindruck von diesem Buch nicht zwiespältig, sondern eindeutig: negativ!“

Die erschreckenden Einzelheiten über das Schicksal dieses Aufklärungsromans und seines Verfassers erfuhr man 28 Jahre später, als Werner Heiduczek, der 1995 mit dem Eichendorff-Preis der Stadt Wangen im Allgäu und 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden war, in Leipzig seine Autobiografie „Im Schatten meiner Toten“ (2005) veröffentlichte. Dieses Buch, in dessen erstem Kapitel „So sterben Schmetterlinge“ er von seiner Kindheit im katholischen Oberschlesien erzählt, ist ein unersetzliches Zeugnis vom Überleben ostdeutscher Kultur im 21. Jahrhundert.

Weitere Werke: Matthes. Roman. Berlin 1962. - Die Brüder. Novelle. Berlin 1968. – Mark Aurel oder Ein Semester Zärtlichkeit. Erzählung. Berlin 1971. – Briefe, in: Was zählt, ist die Wahrheit. Schriftstellerbriefe der DDR. Anthologie. Halle 1975. – Reise nach Beirut. Verfehlung. Erzählungen. Halle 1986. – Im gewöhnlichen Stalinismus. Aufsätze. Leipzig 1991. – Zahlreiche Kinderbücher, Dramen, Filme.

Lit.: Carsten Wurm, Nachwort zum Roman „Tod am Meer“, Neuausgabe, Leipzig 1995 (DDR-Bibliothek im Verlag Faber & Faber, Bd. 2). – Reinhard Stridde (Hrsg.): Werner Heiduczek zum 70. Geburtstag. Leipzig 1996.

Bild: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.

Jörg B. Bilke

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Die Literatur von heute wird schnell vorbeigehen

Im Frühjahr 1946 beim Neulehrerkurs in Krochlitz

Am 24. November wird der Schriftsteller Werner Heiduczek achtzig Jahre alt - nach seinem Kollegen Erich Loest der zweite große Leipziger Schriftsteller, der diese Altersschwelle überschreitet. Wie er über sein Leben, die Literatur und den Tod denkt, danach fragte ihn

Michael Hametner.

Werner Heiduczek wohnt in Baalsdorf bei Leipzig. Sein Haus sieht aus wie ein Würfel aus der Bauhauszeit, ist aber nicht alt. Der Rasen davor zeigt mürbe Stellen vom letzten heißen Sommer. Innen sachlich-praktisch eingerichtet. Nicht Protz, nicht Prunk. Leipziger Schule an den Wänden. Grafik. Fast alles: "Werner Heiduczek gewidmet". Heiduczek stammt aus Oberschlesien. Die Vertreibung verschlug ihn nach Halle an der Saale, später verlegte er seinen Wohnsitz nach Leipzig. Sein bekanntester Roman "Tod am Meer" erschien 1977 und war ein Kultbuch - für die Zensur in der DDR ein Ärgernis. Der Roman erzählt vom Tod eines Mannes, der sich seine Lebenslügen von der Seele spricht. Es sind nicht nur Romane, die Leser von ihm noch in Erinnerung haben. Nach dem Verbot von "Tod am Meer" erzählte er Sagen und antike Mythen neu, kehrte zum Märchen zurück. - Im Leipziger Verlag Faber & Faber ist 2002 seine Märchensammlung "Das verschenkte Weinen" herausgekommen. Im Vorjahr legte Heiduczek dort seine Autobiographie "Die Schatten meiner Toten" vor, in der er beeindruckend schonungslos mit sich und seinem Leben umgeht. Vielleicht ist das Festhalten an dem, was ein Mensch als wahr erkannt hat, die Grunderfahrung seines achtzigjährigen Lebens. Sie ist ihm freilich über die Jahre zugewachsen. Erst nachdem er angefangen hatte, den Erfolg seiner frühen Bücher gering zu schätzen, denn sie waren - wie er selbst über sie urteilt - Früchte des Andienens gewesen.

Werner Heiduczek, Sie wirken - wenn man Sie heute bei Lesungen erlebt - sehr heiter-gelassen. Als wären Sie mit sich zufrieden. Täuscht der Eindruck?
Sie haben mit zunehmendem Alter nur zwei Möglichkeiten. Entweder Sie werden ein alter Knattergreis oder Sie sehen die Welt und das, was darin geschieht, etwas milder. Ich hab mich für den zweiten Weg entschieden.
Ich las, dass zu Ihrem Charaktermix nicht nur Gelassenheit gehören, sondern auch gelegentliche Wut und Zorn. Wann gibt es die? 
Wenn ich Ungerechtigkeit erlebe, werde ich wütend. Ein Oberschlesier kann jähzornig werden. Wenn jemand offensichtlichen Stuss mit mir zu reden versucht, kann ich brüllen.
Sie können auf ein großes Werk von Romanen, Erzählungen, Hörspielen, Theaterstücken, Märchen, Essays zurückblicken, haben einen Kultroman aus der DDR-Zeit verfasst: "Tod am Meer" - ein Roman, der von Ihnen bleiben wird. Seit einem Jahr liegt ihre Autobiographie "Die Schatten meiner Toten" vor - macht Sie das so zufrieden?
Ich stehe nicht mehr unter Erfolgszwang. Ich stand mal darunter, das heißt: Ich selber habe mich unter Erfolgszwang gesetzt. Heute habe ich das nicht mehr nötig. Die Kinder, die man in die Welt gesetzt hat, ich meine: die Bücher, setzen sich durch und werden erkannt oder nicht erkannt. Damit muss man leben. Ein Schriftsteller hat die Möglichkeit, sich der Illusion hinzugeben, dass er nach seinem Tod erkannt wird. Das kann ein Schauspieler nicht. Der braucht den unmittelbaren Erfolg.
Glauben Sie, nach der Einheit in der deutschen Literaturszene den Platz gefunden zu haben, der Ihnen eigentlich gehört?
Ich glaube, das ist noch nicht der Fall. Ich müsste klingeln und das kann ich nicht.
Fühlen Sie sich vergessen?
Vergessen würde ich nicht sagen. Im Vergleich mit manch anderen sage ich mir, was die schreiben, habe ich schon lange geschrieben. Das kann ich weit besser. Wenn mich das Groß-Feuilleton nicht zur Kenntnis nimmt, muss ich damit leben. Es zieht an. Meine Märchen spielt man in Heidelberg und Wiesbaden und andernorts. Das kommt. So gelassen kann ich es nur sehen, weil ich finanziell unabhängig bin. Wäre ich es nicht, könnte ich nicht so eine große Klappe riskieren.
Als Schriftsteller hatten Sie in der DDR schnell Erfolg. Christa Wolf war beim Mitteldeutschen Verlag einige Zeit Ihre Lektorin. Später haben Sie gesagt: "der Erfolg kam schnell, weil ich mich angedient habe". Womit dienten Sie sich an?
Wenn man jung ist und schreibt, will man veröffentlicht werden. Das ist heute nicht anders. Und dann schreibt man so, wie das System oder das Feuilleton es wollen. Es gibt nur wenige, die das nicht tun. Ich gehörte nicht dazu und habe mich nach dem System gerichtet, an das ich damals geglaubt habe. Bis ich gesehen habe, dass es ein Holzweg ist, habe ich einige Jahre und einige Bücher gebraucht.


Heiduczek schrieb immer auch Märchen und Kinderbücher.
1975 erschien "Vom Hahn, der auszog, Hofmarschall zu werden".

Ihr Roman "Tod am Meer" wird dann 1977 die große Zäsur in Ihrem Leben und Schreiben: darin stirbt ein Mann an den Folgen seiner Lebenslügen, tragischerweise in dem Moment, wo er sie sich von der Seele gesprochen hat. - Waren Sie das, der in diesem Roman gesprochen hat?
Ich war nicht der Protagonist. Die Grundtendenz des Romans - das war ich. Die Zäsur war früher. Nach meinem Roman "Abschied von den Engeln" erhielt ich viele Preise von der DDR. Aber ich konnte an das Lob nicht glauben. Dann habe ich angefangen, anders zur Wahrheit zu stehen und erst einmal wurde nichts mehr veröffentlicht. Ich hab dann wieder Märchen geschrieben, Sagen und alte Mythen neu erzählt. Sie haben mich aus der Depression rausgeholt.
Ihr Roman "Tod am Meer" wurde verboten. - Wie nahm das einer auf, der ein gutwilliger Sozialist gewesen war?
Die Erfahrung, dass im System etwas falsch läuft, habe ich schon als Schulrat gemacht. Da war ich ein - Verzeihung für das Wort - Laberarsch. Ich hatte in Lebensläufe einzugreifen. Etwa wenn ein Schüler an kirchlichen Veranstaltungen teilnahm oder zur Jungen Gemeinde gehörte, musste ich den Urteilsspruch über ihn, den ich nicht zu fällen hatte und nicht gefällt hätte, ausführen. Ohne die wirklichen Gründe sagen zu dürfen. Da wusste ich, dass das System nicht stimmt.
Sie wurden vom gläubigen Sozialisten zum Kritiker des Systems. - Welches Bild ist von der DDR-Zeit heute in Ihnen zurückgeblieben?
Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen: Es ist mir in der DDR bei allen Schwierigkeiten und Stasibeobachtun­gen - mein Telefon wurde abgehört, es gab Wanzen in der Wohnung - nicht schlecht gegangen. Ich denke heute an die DDR zurück und sage: Vieles war gut gemeint, aber durch die Fehler des Systems musste es scheitern. Ich besaß Narrenfreiheit und konnte sagen und machen, was ich wollte …… aber ist Ihr Bild jetzt nicht getrübt von den Privilegien, die gerade Schriftsteller erhielten? Merkwürdigerweise hatte das System eine große Angst vor der Macht des Wortes und hat manchem Schriftsteller diese Macht mit Privilegien abgekauft. - Ihnen auch?
Ich genoss in den letzten zehn DDR-Jahren Privilegien. Da war ich durchgesetzt, im Ausland verlegt. Das brachte die Narrenfreiheit. Wenn ich an Kollegen wie Wolfgang Hilbig und Dieter Mucke denke, das sind Schriftsteller, die es zu keiner Zeit einfach hatten. Ich konnte reisen. In meinem DDR-Pass war das Westvisum.
Jemand, der vier gesellschaftliche Systeme erlebt hat: von der Weimarer Republik über den Hitler-Staat und den DDR-Sozialismus bis zum vereinten Deutschland - muss der annehmen, nichts ist ewig?
Alles, was geboren wird, ob Individuum oder Staat, stirbt. Das ist normal. Das sehe ich ganz gelassen. Mazedonien war einmal unter Alexander sehr, sehr mächtig. Was ist heute Mazedonien? Die Türkei hat einmal Mitteleuropa ein halbes Jahrtausend beherrscht. Was ist heute die Türkei? Sie kämpft um Einlass in die EU. Die USA werden einmal sterben. Sie wissen bloß noch nicht, dass sie schon auf dem absteigenden Ast sind. Unser Planet wird einmal sterben. Vielleicht sind wir dann technisch so weit, dass die Menschheit auf einen anderen Planeten auswandern kann. Alles ist endlich - auch die Bundesrepublik Deutschland.


"Mit 20 hätte ich auch Cannabis genommen."
Werner Heiduczek bei seinem 60. Geburtstag.

Bleiben wir vorerst in dem Land, in dem wir leben. In vielem ist die geeinte Bundesrepublik die Erfüllung der unerfüllten Wünsche aus dem DDR-Leben. Trotzdem nehme ich an: Es ist eine Gesellschaft an der Sie sich als Schriftsteller reiben. Woran besonders?
Ich glaube nicht daran, dass wir eine große Demokratie haben. Früher waren Beziehungen wichtig. In Bulgarien hieß es: Du musst einen Bischoff zum Onkel haben. Dann war es nicht mehr der Bischoff, sondern der Parteisekretär. Das ist heute im Prinzip nicht anders. Sie brauchen Geld und damit haben Sie viel mehr, als Ihnen die Demokratie geben kann. Für mich ist der entscheidende Unterschied gegenüber der DDR, dass wir heute eine legale Opposition haben. Aber an die Macht will die Opposition auch. Die Menschen sind vom Wesen so angelegt, dass sie an die Macht wollen. - Die Demokratie gibt hundert Demonstranten in Leipzigs Karl-Liebknecht-Straße das Recht, unter Polizeischutz die Freigabe von Cannabis zu fordern. Aber die große Freiheit ist das nicht. Die hab ich, wenn ich Geld hab. Dann hab ich nicht nur Recht, sondern auch Gerechtigkeit. Und einen Professor am Bett und nicht jeden Tag einen anderen Assistenzarzt.   
Sie haben sich unter anderem in einem Essay mit der Spaßgesellschaft auseinandergesetzt. Was erschreckt Sie daran?
Wenn ich im Fernsehen die Werbung sehe, dann sehe ich nur lachende Menschen. In den  Talkshows bemühen sie sich alle, gut drauf zu sein. Schmerz und Leid werden ausgespart. Der geheime Leitspruch lautet: Leben ist Lachen! Leben ist auch Leiden, sage ich. Ich hab schon in der DDR das Märchen "Vom verschenkten Weinen" geschrieben. Ich kann nicht lachen, wenn ich nicht weinen kann.
Literatur ist von der Spaßgesellschaft nicht ausgenommen. - Wie steht es Ihrer Wahrnehmung nach um Literatur und die Wirkung von Literatur heute?
Über die Literatur von Kübelböck und Bohlen will ich nicht reden, die ist keine. Das sind höchstens Bücher. Nehme ich ernsthafte Literatur, dann muss ich sagen: sie hat wenig Wirkung. Sie wird auch nicht viel gelesen. Es wird viel gelesen in diesem Land, aber die Frage ist, was wird gelesen? Bücher der Spaßgesellschaft - da wird Sie geholfen! Das war schon immer so. Goethe wurde weniger gelesen als die Bücher seines Schwagers Vulpius.
Leipzig, wo Sie heute leben, und Sachsen sind - abgesehen von einigen wenigen Protagonisten wie Ihrem Jahrgangsgefährten Erich Loest - keine Hochburgen der deutschen Literatur - aber es gibt viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller hierzulande. Wie wichtig ist die literarische Szene und was kann sie leisten?
Ich kenne die hiesige Literaturszene kaum. Ich gehe seit Jahren zum Verband deutscher Schriftsteller nicht mehr hin. Ich lese auch von denen nichts. Ich lese Literatur aus früheren Jahrhunderten. Vor allem französische und chinesische Philosophen. Die Literatur von heute wird schnell vorbei gehen. Da versucht man sich anzudienen an eine gewisse Moderne.

 

Gelassener Lebensrückblick mit 80.
"Ich wollte, dass durch die Literatur Vernunft in die Welt kommt.
Aber das ist eine Illusion."

Aber es ist die Literatur unserer Zeit, wenn wir Glück haben, steckt in ihr unsere Lebenswahrnehmung …
… unsere Zeit heute ist für Literatur nicht günstig. Ich sehe wenig, was Substanz hat.
Aber wir leben in einer Zeit voller drängender Probleme: Sie haben von einer Demokratie ohne Gestaltungskraft gesprochen, Sie haben die Kluft zwischen Recht und Gerechtigkeit berührt, fünf Millionen Arbeitslose - Themen genug!
Die Themen sind das eine, die Umsetzung in Literatur das andere. Vielleicht sind wir auch zu nah an den Themen, damit sie Literatur werden können. Den Wenderoman mit den Schicksalen dieser Epoche schreiben uns vielleicht Autoren, die die Wende gar nicht erlebt haben, als historischen Roman.
Wir haben über das Andienen in Zeiten der DDR gesprochen. Ärgert Sie Anpassung heute?
Es ärgert mich eigentlich nichts mehr. Ich lächle über Leute, die es tun.
Martin Walser hat in seinem neuen Roman "Angstblüte" über die Geringschätzung des Alters geschrieben. Dem Alter sprechen die Jungen vieles ab: auch erotische Wünsche. - Wie nehmen Sie den Umgang mit dem Alter wahr?
Für einige Junge ist es merkwürdig, wenn Siebzig- oder Achtzigjährige lieben. Sie sprechen ihnen Erotik und Sexualität einfach ab. Das ist Quatsch. Ich glaube, dass ein alter Mensch dieselben Empfindungen bei der Liebe hat wie ein junger: Schmerz, verlassen zu werden, Eifersucht. Ich habe in meiner Umgebung ein Beispiel: Ein älterer Mann möchte mit einer Frau, die er sehr liebt und die er über eine Annonce kennen gelernt hat, nach einem Vierteljahr ins Bett gehen. Ich halte das für normal. Die Frau spielt mit ihm, wie eine Frau in jüngeren Jahren. Und der Mann leidet genauso, wie ein jüngerer leiden würde.
Können Sie mir über eigene Liebeserfahrungen im Alter erzählen?
Als meine Frau starb, da stand für mich fest, dass ich nicht alleine bleibe. Ich lernte eine ganze Reihe von Frauen kennen. Unter anderen auch eine Frau, deren Sohn nicht erfahren durfte, dass wir zusammen im Bett waren oder in der Sauna. Das halte ich für albern. Ich habe verwitwete Frauen kennen gelernt, die mit dem Toten leben. Alles, was sie tun, unterwerfen sie der Prüfung ihres toten Partners. Mit einem Toten kann man nicht leben. Ein Toter schweigt. Rilke sagt: Der Tod ist exakt. Man muss mit den Lebenden leben. Dabei ist es wurst, wie alt man ist.
Kann man als Achtzigjähriger genauso von Gefühlen besetzt sein wie als Dreißig- oder Vierzigjähriger?
Anders. Aber die Intensität der Gefühle ist genauso.
Wenn die Jungen so unsensibel auf das Alter blicken, muss es das Alter umgekehrt nicht auch tun. Welches Bild haben Sie von der Jugend heute?  
Dem, was über die Jugend von meiner Generation gesagt wird: sie sei oberflächlich, ergibt sich den Drogen, halte ich entgegen: Ich war nicht anders. Der Krieg, der in unsere Jugend fiel, hat das, was an Aggression in einem jungen Menschen steckt, weggedrückt. Der Krieg bot die perverseste Möglichkeit, Aggressionen auszuleben. Jugend sucht sich die Möglichkeiten ihrer Zeit. Wenn sie mir zu laut ist, muss ich weggehen, nicht klagen. Ich muss mein Leben ändern, nicht die Jugend.
Verständnis für eine Demo zur Freigabe von Cannabis?
Ja, sie war mir nur zu laut und zu viel Polizei dabei. Ich würde, wenn ich mit zwanzig die Gelegenheit dazu gehabt hätte, auch Cannabis genommen haben. Ich hatte meine Möglichkeiten. Als 15jähriger habe ich mich geärgert, dass ich keine Bombenangriffe in Oberschlesien erlebt habe. Was habe ich gemacht? Ich hab mich aufs Rad gesetzt und bin nach Berlin gefahren, um Bomben fallen zu sehen und war enttäuscht, dass in Berlin nichts zu erleben war. Man ist verrückt, wenn man jung ist.    
Hatten Sie als Schriftsteller jemals den Traum, die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen?
Ich wollte, dass durch die Literatur Vernunft in die Welt kommt. Aber es ist eine Illusion. Literatur bessert die Welt nicht.
Glauben Sie, Literatur hätte überhaupt keine Wirkung?
Nicht für die Welt, wohl für den einzelnen kann sie etwas bewirken. Ein ungünstiger Fall von Wirkung trat durch Goethes "Werther" ein: es nahmen Selbstmorde zu. Sicher gibt es auch günstigere Beispiele. Ich glaube daran, dass gute Literatur Menschen nachdenklich machen kann. Das ist in einer bewusstlosen Zeit viel.
"Der Tod ist exakt" ? mit diesem Rilke-Wort schließt Ihr Roman "Tod am Meer". ? Wie sehr beschäftigt Sie der Tod?
Auf den Tod bin ich vorbereitet. Was mir zu schaffen macht, ist das Sterben. Ich habe das Sterben meiner Frau über viele Jahre begleitet und habe gesehen, wie qualvoll es sein kann. Ich bin für die aktive Sterbehilfe. Warum soll ich einen Menschen so qualvoll sterben lassen? Jeden Hund erlöst man.  
Würde Sie der Tod vorbereitet finden?
Ich habe Hemingway nicht verstanden, dass er sich durch Freitod dem Alter entzogen hat. Heute verstehe ich ihn. Wenn ich eine Pistole hätte, ich würde mich erschießen. Vielleicht darf das nur einer der Kriegsgeneration sagen.
Vielen Dank für das Gespräch.
http://www.kunststoff-kulturmagazin.de/printausgabe/3/literatur-von-heute.html