Tschenscher, Kurt

 

 

 

*        5.10.1928, Hindenburg
†    

 

 

  Fußballschiedsrichter


Mit 85

Kurt Tschenscher war in den 1960er Jahren einer der weltbesten Fußballschiedsrichter. Er leitete die Spiele der Fußball-Bundesliga von der ersten Saison 1963/64 bis zu seinem Karriereende 1975. Von der FIFA wurde er für drei Fußball-Weltmeisterschaften nominiert: WM 1966 in England, WM 1970 in Mexiko und WM 1974 in Deutschland. Einer seiner Höhepunkte war das Halb-Finale um die Fußball-Europameisterschaft 1968 zwischen Italien und der Sowjetunion. Das Spiel endete 0:0 nach Verlängerung (Sieger Italien nach Los-Entscheid durch Münzwurf!!).

Bei der WM 1970 wurde ihm die Ehre zu teil, das Eröffnungsspiel am 31. Mai 1970 in Mexiko-Stadt zwischen Gastgeber Mexiko und der Sowjetunion zu pfeifen. Das Spiel endete ebenfalls 0:0. Bei diesem Spiel zeigt er aber als erster Schiedsrichter überhaupt eine Gelbe Karte. Seine schwierigste Aufgabe hatte er bei der WM 1974 zu lösen, als er das entscheidende Spiel um den Einzug ins Finale zwischen den Niederlanden und Brasilien leitete.

Am 3.07.1974 gewannen die Niederlande in Dortmund mit 2:0 und in dem überaus hart geführten und hektischen Spiel musste Kurt Tschenscher den brasilianischen Mannschaftskapitän Luís Pereira nach einem brutalen Foul des Feldes verweisen. Außerdem leitete er während der Olympischen Spiele 1972 in München das Finale zwischen Polen und Ungarn, sowie das legendäre DFB-Pokal-Endspiel 1973 zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln, in dem Günter Netzer sein berühmtestes Tor erzielte.

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  Ein Leben für den Fußball

Heute müsste man Schiedsrichter sein", so der 72-jährige Kurt Tschenscher Augen zwinkernd in seinen Ausführungen zum Thema Fußball. War man früher als Schiedsrichter für ein geringes Entgelt und viel Begeisterung unterwegs, werden die heutigen Schiris zumindest ihrem Aufwand entsprechend entlohnt. Einen interessanten und lebhaften Abend boten die Freien Wähler in Reilingen mit dem ehemaligen WM-Schiedsrichter Kurt Tschenscher den fußballbegeisterten Zuhörern. Er erzählte aus dem Leben eines weltweit bekannten Schiedsrichters, bei dem 1946 beim VFL Neckarau alles anfing. Durch seine souveränen Leistungen als Schiedsrichter wurde er schnell bekannt und gefördert, es begann eine steile Karriere. 1953 kam er auf die DFB-Liste, ab 1958 leitete er als FIFA-Schiedsrichter internationale Spiele. Roter Stern Belgrad-Grashoppers Zürich war zu Beginn eine von vielen glanzvollen Begegnungen. Was dann folgte, waren internationale Spiele mit Namen von Fußballern, bei denen die Zuhörer glänzende Augen bekamen. Ob Pele, Puskas, Omar Sivori, Cruiff, Bobby Moore, Uwe Seeler, Günther Netzer, Franz Beckerbauer, ihnen war er kein Unbekannter. "Für Deutschlands Schiedsrichter Nr. 1", schrieb damals "Franzl" Beckenbauer nach einem Spiel Bayern München gegen 1860 München auf eine Autogrammkarte. Nicht unerwähnt ließ er auch seinen langen Weggefährten und Freund Bundestrainer Sepp Herberger. Er leitete viele hochkarätige internationale Spiele, aber besondere Stationen als Schiedsrichter waren dabei das Eröffnungsspiel Mexiko - UdSSR bei der WM 1970 im Azteken-Stadion vor 112.000 Zuschauern.
In diesem Spiel wurde das erste Mal bei einer WM die gelbe Karte eingesetzt und er zog sie gleich viermal, um Maßstäbe für die folgenden Spiele zu setzen. Es folgte Peles Abschiedsspiel im Maracana-Stadion/Rio de Janeiro vor 138.555 Zuschauern, sowie das Finale bei der Olympiade in München 1972 Polen - Ungarn. Absolut legendär das Pokalendspiel 1. FC Köln - Borussia Mönchengladbach n.V. 1:2. Er erinnerte dabei an das herrliche Tor von Günter Netzer in der Verlängerung. Nach Beendigung seiner Laufbahn war er beim DFB im Schiedsrichter-Ausschuss und Spielbeoachter bei nationalen und internationalen Begegnungen. Zum Schluss ging er auf die aktuelle Entwicklung des bezahlten Fußballs und  der Medienvermarktung ein, wobei er bemerkte, dass sich der DFB durchaus einen eigenen TV-Sportkanal leisten könnte. Sein Erstaunen und Bedauern brachte er auch über den Streit Daum-Hoeneß zum Ausdruck. Bereits an diesem Abend äußerte er Zweifel an der Integrität Daums.
Ein Weltenbummler in Sachen Fußball, der zum Abschluss des Abends seiner Frau und seiner Tochter, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre, herzlich für ihr Verständnis und Einfühlungsvermögen dankte.
Die Vorsitzende der FWV Reilingen, Sabine Petzold, dankte für seine kurzweiligen Ausführungen mit dem Kompliment, jeder an Fußball Interessierte, der an diesem Abend nicht da war, habe etwas verpasst.